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Dienstag, 28. Mai 2013

Splatter in Mittelerde, Vortrag auf dem Tolkien-Tag in Geldern

Am vergangenen Wochenende war wieder Tolkien-Tag in Pont bei Geldern am Niederrhein, und zwar erneut ein Rekord-Tolkien-Tag mit mehr Besuchern als je zuvor … Und das mitten auf dem platten - aber unheimlich charmanten - Land. Danke Pont!

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Der Tag fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt; hier die Herren von der Security.

Ich habe dort erstmals auf Deutsch die Ergebnisse meiner Gewaltstudie von Der Herr der Ringe vorgestellt. Dabei handelt es sich um eine Inhaltsanalyse von Buch und Film, die sämtliche 433.000 Wörter des Buches und 39.000 Sekunden des Filmes miteinander vergleicht und den jeweiligen Gehalt von gewaltfreien und gewalthaltigen Darstellungen einander gegenüberstellt. Und da kam einiges heraus, was mich trotz recht guter Kennerschaft von Buch und Film nicht schlecht überraschte.

So handelt es sich bei der Ringerzählung zwar um die Story des "Großen Ringkrieges", wie ihn auch Tolkien selbst einmal bezeichnete - doch auf das ganze Buch bezogen gibt es nur einen Gewaltanteil von 20 Prozent, während vier Fünftel der Geschichte gewaltfrei sind. Das hätte ich so nicht gedacht. Und auch nicht, dass Jackson dieses Verhältnis nicht umkehrt.

Aber nein, in der Verfilmung gibt es zwar mehr Action und Gewalt, doch 59 Prozent, also fast zwei Drittel seiner Filme, sind ebenfalls gewaltfrei. Dabei liest und hört man immer wieder, dass Jackson ein reines Schlachtengetümmel angerichtet habe - mitnichten. Und selbst die Verschiebung hin zu mehr Gewalt ist vielfach dem Unterschied der Erzählweisen von Film und Buch geschuldet, wie im einleitenden Medientheorieteil des Vortrags erklärt wird.

Ein Artikel mit den Studienergebnissen wird im nächsten Hither Shore, dem Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft, erscheinen, doch damit auch erst in ungefähr einem Jahr und auch nur auf Englisch. Falls ich Ihr Interesse geweckt habe, stelle ich deshalb hier die Folien des Vortrags als PDF zur Verfügung sowie einen Link zu dem 55-minütigen Videomitschnitt von Vortrag und großen Teilen der anschließenden Diskussion, der sich auf YouTube findet:



Der Film zeigt die Folien leider nicht, doch ich denke, man versteht die Ergebnisse auch so. Sonst legen Sie sich einfach das oben verlinkte PDF der Folien dazu, und Sie haben den vollen Überblick.

Viel Spaß beim Reinschauen :-)


Dienstag, 7. Mai 2013

Rohdaten der Gewaltstudie stehen zum Download bereit

Am 26. April haben Tobias Hock die Ergebnisse unserer Vergleichsstudie "Splatter in Middle-earth" auf dem Tolkien-Seminar in Aachen vorgestellt. Dabei ging es um einen Vergleich der Gewalt- und NIchtgewaltanteile in "Lord of the Rings" als Buch und als Verfilmung von Peter Jackson.

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Es zeigte sich, dass die Verfilmung gewalt- und actionhaltiger ist als das Buch, dass es aber Weitem nicht so unsäglich viel mehr Blut im Film zu sehen gibt als im Buch erzählt wird. Das ist interessant, weil Jackson oft vorgeworfen wird, dass er aus dem Herrn der Ringe eine reine Gewaltorgie gemacht habe. Ist aber gar nicht so.

Die unseren Ergebnissen zugrundeliegenden quantitativen Daten stehen jetzt hier auf polyoinos zum Download bereit. Unter diesem Link oder per Klick auf den Downloadbereich rechts finden Sie eine Excel-Tabelle mit den Rohdaten und einigen wenigen deskriptiven Basisergebnissen. Die Datei enthält die Zählung und inhaltliche Zuordung eines jeden Satzes des Buchs und jeder Szene der dreiteiligen Extended BluRay-Version. Sie ist also weniger zum Nachlesen der Ergebnisse gedacht - die als Aufsatz in Hither Shore 2014 erscheinen werden (evtl. vorher eine Zusammenfassung auch hier auf polyoinos) - als vielmehr für den eigenen wissenschaftlichen Gebrauch, zum Selberrechnen.

Mit den Rohdaten können Sie eigene Berechnungen anstellen, etwa zur Komposition von Film und Buch, indem Sie den Aufbau der Storyline oder den Einsatz von Spannungsbögen anhand kategorisierter Inhalte verfolgen oder für tausend andere Sachen. Sollten Sie das Material benutzen und irgendetwas mit Hilfe der Daten publizieren, so brauchen Sie dazu keine Erlaubnis einzuholen; aber eine Mail an mich wäre schön, denn ich bin auf jedes Ergebnis gespannt.

Die Datei ist nach etwas Einlesen wohl recht gut selbsterklärend, aber natürlich können Sie sich auch gerne an mich wenden, falls Sie irgendwo etwas nicht nachvollziehen können.

The raw data of Tobias Hock´s and my study "Splatter in Middle-earth", which scrutinized the amount of violent and non-violent content in "Lord of the Rings" and the movies Peter Jackson made of it are now available as Excel-sheet right here. Feel free to use it for your own studies but please let me know every result you may achieve on this basis.


Montag, 29. April 2013

Im Fluss der Geschichten - Gedanken über Kreativität und Adaption nach der Tolkien-Konferenz in Aachen 2013

Das Tolkien-Seminar 2013 ist beendet; eine wieder einmal sehr gelungene Reihe schöner Vorträge rund um das Thema „Adaptionen von Tolkiens Werken“. Für mich hat sich als wesentlicher Eindruck das Gefühl noch einmal deutlich verstärkt, dass wir Menschen in einem unauflöslichen Fluss von Geschichten stehen, gespeist von vielen Erzählerinnen und Erzählern, aus denen manche herausragen, wie Tolkien, die aber alle davon abhängig sind, sich von dem Fluss zu nähren, zu dem sie wiederum beitragen. Letztlich ist es ein Kreislauf der Kreativität.

Der Kosmos der Tolkien-Adaptionen ist so groß, dass es mir eine ganz besondere Freude war, von vielen kenntnisreichen Kolleginnen und Kollegen kundig hindurchgeführt zu werden. Musik, Rollenspiel in allen Facetten, Kino, Fanfiction, Hörspiel und die literarischen Nachfolger wurden behandelt ... und alles lief auf den gemeinsamen Nenner hinaus, dass alle auf der gleichen Reise sind, denselben Fluss befahren. Genau wie Tolkien.

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(Foto einer Folie aus der Präsentation von Jay Johnstone)

Ein nettes Bonmot – ich weiß leider nicht mehr, wer es einwarf – nannte Tolkien einen „Multiplagiator“, da er schließlich zig Sagenkreise geplündert habe, um sein Legendarium zur Welt zu bringen. Das ist natürlich nicht mit abschreibenden Politikern zu vergleichen, sondern weist stattdessen darauf hin, dass kein Mensch eine Insel ist, und dass es sich eben einfach nicht unbeeinflusst erzählen lässt.

In Diskussionen weise ich in diesem Zusammenhang gerne auf einen Zeitgenossen Goethes hin, den Venezianer Carlo Gozzi, der sagte, dass es nur 36 Motive gäbe, die das Drama darstellten könne. Man mag sich über die genaue Anzahl trefflich streiten können, aber der Kern der Aussage ist völlig richtig, dass es nur eine überschaubare Anzahl von Themen gibt, für die sich der Mensch interessiert.

Das liegt, wie Sie wissen, natürlich daran, dass es nur eine überschaubare Anzahl von Themen gibt, die uns betreffen und eine noch geringere, die uns intellektuell und emotional mitreißen. Und im Bereich der Erzählungen, im Bereich der erfundenen Handlungen und Welten, ist das der alles überragende Grund, warum wir uns mit solchen ‚Lügen’ beschäftigen: Wir wollen gepackt und mitgerissen werden.

Es sind Geschichten von Liebe und Freundschaft, von Feindschaft und Hass, von Treue und Verrat, von Opferbereitschaft und Feigheit, von Unterdrückung und Rebellion, von Rettung und Verlust, von Verdammnis und Erlösung, vom Guten und vom Bösen, die das bewirken und die man sich in immer neuen Zusammenstellungen seit den Lagerfeuern der Frühzeit erzählt.

Einst, vor der Romantik ab dem ausgehenden achtzehnten Jahrhundert, waren es die Erzählung und ihr Inhalt, die im Mittelpunkt standen, und weniger ihre Urheber, auch wenn ein flotter altgriechischer oder frühneuzeitlicher Tragödien- und Komödienschreiber schon zum Star auf der Agora und im Theater aufsteigen konnte. Seine Geschichten fanden jedoch größere Beachtung als er, und das ist auch in Zeiten der Verehrung alter und neuer Dichtergrößen heute nicht so anders. Das hat Thomas Fornet-Ponse in seinem Vortrag zu recht schön hervorgehoben. Ehre wem Ehre gebührt: Aber die fruchtbare Auseinandersetzung findet mit dem Stoff statt, während andere Schwerpunkte oft nicht viel mehr als eitle Schaumschlägereien sind.

Topic first, möchte man sagen, und gerade in der Fantasy kann man einen großen Teil der Motive zwar auf Tolkien zurückführen, findet aber in ihm doch ‚nur’ den großen Kompilator, der Motive, die auf ihn übergegangen waren, neu verknüpfte. Was die ihn Adaptierenden also machen, ist nicht viel anders als das, was er tat. Auf der Konferenz in Jena wurden Untersuchungen vorgestellt, die sich genau damit befassten, was wir heute mit unserem Tolkien so alles anstellen.

Da inspiriert er Künstler wie den Briten Jay Johnstone, dessen Bilder diesen Blogbeitrag abrunden, zu eigenständigen Kunstwerken, die Tolkien zwar aufnehmen, ihn aber auch transformieren und neue wie alte Motive zu innovativem Ausdruck bringen, wenn orthodoxe Ikonographie plötzlich Anwendung auf den tolkienschen Mythos und den ihm unterliegenden Sagenkreis findet.

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(Beren und Luthien; © Jay Johnstone)

Viele andere Tolkienbegeisterte erzählen oder spielen einfach nur nach, was Tolkien vorgab, und das ist genauso legitim wie die Transformation. Und mancher heutzutage Kreative greift schon in zweiter Generation auf Tolkieneskes zu, mischt es noch munterer als die Vorgänger mit anderem und so wird die Spur, die Tolkien im Fluss der Geschichten hinterlässt wieder dünner, sie verwässert durch Vermischung und bleibt dabei umso mehr der immer gleiche alte Fluss.

Ist das zu bedauern? Ich denke nicht. Tolkien wird der berühmte Tolkien bleiben, auch wenn seine Einflüsse immer breitere Schichten von Erzählern beeinflussen, die diesen Einfluss gar nicht mehr auf den Professor zurückführen, weil sie ihn vermittelt aufnahmen.

Er wird auf den ersten Blick vielleicht etwas verwischt werden, wenn machtvolle Adaptionen wie die Jackson-Verfilmung auf das unschuldige Buch zurückwirken, etwa, indem die Designs der Kostüm- und Setbildner zunehmend die Bilder von Mittelerde und seinen Völkern in unseren Köpfe bestimmen.

Beiträge seitens Tolkien adaptierender Menschen schaffen oftmals auch Verbindungen zwischen dem Original und den hinzugefügten Dingen, die ursprünglich gar nicht bestanden. Später werden diese Verbindungen dann aber als organisch wahrgenommen, so dass man glaubt, sie gehörten schon immer dazu. Tobias Escher hat das in seinem Vortrag sehr eindrücklich an dem Beispiel verdeutlicht, wie stark mittlerweile Folkmusik und Mittelerde zusammengehören (zusammen zu gehören scheinen?), ohne dass jene ursprünglich irgendetwas mit Mittelerde zu tun hatte.

Dadurch geht aber Tolkien doch nicht unter! Ein Blick zurück ins Buch führt uns immer wieder zuverlässig zu unserem Professor zurück. Ein paar Schritte, vielleicht auch mal eine kleine Wanderung den Fluss hinauf, Richtung Vergangenheit, bringt uns zuverlässig wieder zu jener machtvollen Stromschnelle J.R.R. Tolkien, die den Fluss immer stärker prägen wird als er von uns vielen kleinen Kiesel am Ufer geprägt wird, die nichtsdestotrotz den weitaus größeren Teil des Flusses bilden.

Dass des Professors Einflüsse nicht mehr so überdeutlich wahrzunehmen sind, dass manches, was seiner Kreativität geschuldet ist, aus Unkenntnis anderen zugeschrieben werden wird, dass er durch die Verwässerung ein wenig verblassen wird – das ist allenfalls ein bisschen schade, aber keine Katastrophe. Und es traf schon ganz andere.

Unser Aachener Gastgeber, der Shakespeare-Experte Professor Peter Wenzel, berichtete nach Anhören aller Vorträge, dass er bezüglich der Adaptionen Tolkiens starke Ähnlichkeiten zu der sehr viel älteren Adaptionsgeschichte Shakespeares sehe. Und viele, viele Ideen sowie manch geflügeltes Wort, das 400 Jahre später noch immer in aller Munde ist, ist für die Mehrheit der Menschen nicht mehr als Wort Shakespeares erkennbar. So what? Es sind die Ideen und die Geschichten, die weiterleben. Und diese haben – bei allem nötigen Respekt – den Vorrang vor ihren Erfindern.

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(Beren und Huan auf der Jagd nach Carcharoth; © Jay Johnstone)

Denn diese Erfinder – selbst die genialischsten Wortschmiede unter ihnen – lebten doch auch nur von dem, was sie gehört oder gelesen haben. Sie sind auch nur ein Teil des Flusses, wenn sie auch besonders starke Stromschnellen unter all seinen Mäandern und Schlaufen darstellen, die den Flusslauf stärker prägen als die allermeisten anderen Erzählerinnen und Erzähler. Auch die Genies standen schon auf den Schultern derer, die vor ihnen kamen und es ihnen erst ermöglichten, auf nahezu perfekte Weise zu erzählen.

Die Romantik war Zeit ihres Wirkens auf der Suche nach dem Genius, von dem sie sich Befreiung aus dem Jammertal der Realität versprach. Meine vielleicht noch etwas vage und eventuell unzureichend durchdachte Vermutung ist, dass dieser Genius wir alle sind. Wir sind uns dann letztlich alle doch als biologische Einheiten wie auch als potenziell spirituelle Entitäten einfach zu ähnlich, um allzu große Unterschiede zwischen uns belegen zu können. Uns berührt allemal das Gleiche und deshalb erzählen wir uns das Gleiche, vertonen es oder bannen es auf Leinwand oder fixieren es in Skulptur.

Und das gilt ganz besonders da, wo wir Träume und Hoffnungen erleben und zu ihnen beitragen. Das muss nicht immer darin bestehen, dass Notenblätter beschrieben oder Schreibprogramme gefüttert werden. Stefanie Bauer berichtete uns davon, wie Rollenspieler durch ihr Spiel und kreatives Reenactment ebenfalls Zweitschöpfung betreiben.

Das ist – das hat Steffie nicht gesagt, also bezichtigen Sie bitte mich eventueller Übertreibung – exakt das Gleiche wie das, was Tolkien tat. Er tat es elaborierter und auch ästhetisch wirksamer als es den meisten von uns gegeben ist, aber was das kreative Moment an sich angeht, gibt es keine prinzipiellen Unterschiede zwischen dem unidentifizierbaren Jedermann und den großen Kreativen, die in der Schule gelehrt werden oder deren Werke auf Auktionen für Zigmillionen den Besitzer wechseln.

Eigentlich erzählen wir alle einander immer nur Geschichten. Auch wenn wir malen und musizieren. Auch wenn wir (rollen-)spielen. Selbst wenn wir allein sind (heute vielleicht vor dem Offline-Computerspiel, aber in gewisser Weise seit Jahrhunderten schon, wenn wir lesen) hören und erzählen wir Geschichten, weil wir dann selbst dann nicht allein sind, wenn wir allein sind.

Teil eines großen Flusses, der das menschliche Leben adaptiert ...

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(Galadriel; © Jay Johnstone.
Alle Fotos zeigen Bilder von Jay Johnstone, die ich mit seiner freundlichen Genehmigung veröffentliche. Mehr zum Künstler finden Sie
hier.)


Donnerstag, 4. April 2013

Wortpate für "Phantastik"

Neulich wurde ich der schönen Idee der Wortpaten gewahr. Das ist eine Initiative unter anderem des Vereins Deutsche Sprache e. V., die versucht, mit Hilfe der Wortpaten ein stärkeres Bewusstsein für das Deutsche und seine Schönheiten sowie seine enorme Ausdruckskraft zu schaffen. Das unterstütze ich doch gerne.

Und wer bitte schön - das sei mir in aller Unbescheidenheit zu fragen erlaubt - wäre wohl geeigneter als ich, zum Paten für das Wort "Phantastik" zu werden? Es ist schließlich das Genre, das einen sehr großen Teil meines Lebens bestimmt und dem ich mich forschend, vortragend, schreibend und lektorierend seit Jahrzehnten widme.

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Es ist eine schöne Sache, eine Wortpatenschaft zu übernehmen, und die Kosten dafür beginnen bei 19 Euro; eine sinnvolle einmalige Spende für ein gutes Projekt. Infos finden Sie unter dem Link auf die Wortpaten oben über dem Bild.


Donnerstag, 1. März 2012

Vom Wert der Übertreibungen

Das hervorstechendste Wesensmerkmal der Phantastik sind gar nicht diese ollen Monstren, Raumschiffe und Zauberer an sich. Hervorstechend ist vielmehr die Übertreibung, die sich in diesen Bildern vom Monster und vom Zauberer ausdrückt. Nur ziehe ich vor, aus dem negativen Begriff der Übertreibung die Zuspitzung zu machen. Die Phantastik spitzt in ihren Berichten vom Unmöglichen zu und bringt die Dinge auf den Punkt.

Am eindeutigsten ist dies in der Science Fiction zu sehen. Wenn in der SF beispielsweise technische Möglichkeiten skizziert werden, indem eine Geschichte von einem Unsterblichkeitsserum berichtet, so wird anhand dieses mehr oder weniger abwegigen Beispiels beim Leser oder Zuschauer das nicht im Geringsten abwegige Nachdenken um den Sinn und Wert des Lebens und des Sterbens angestoßen.

Doch auch die Zuspitzungen der Fantasy bringen Dinge auf den Punkt, die im realen Leben von Bedeutung sind. Wenn etwa eine Fantasygeschichte ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass der Mensch eine unsterbliche Seele hat und diese ganz konkreten Gefahren ausgesetzt ist, so kann das Fragen im Bereich des Glaubens ebenso aufwerfen wie im Bereich der Psychologie und der persönlichen ethischen Einstellungen.

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Die Bedeutung der Übertreibung in der Phantastik besteht nicht darin, von Todesstrahlen zu erzählen, die ganze Welten ausradieren können und auch nicht darin, von muskelbepackten Kämpfern zu berichten, die einen rasenden Stier mit der linken Hand niederringen. Der Sinn der Übertreibung besteht darin, Situationen zuzuspitzen wie sie in der Realität nicht vorkommen können und Spotlights zu entzünden, die Sachverhalte ausleuchten, um daraus Schlüsse ziehen zu können, die in der Realität Bedeutung annehmen.

Ich muss allerdings einräumen, dass man den obigen Absatz in der Tat vor allem einer ganzen Reihe von Regisseuren und Autoren ins Stammbuch schreiben sollte, die den Hokuspokus gedankenlos, nachäffend, phantasiearm, oberflächlich und um seiner selbst willen einsetzen.

Spotlights entzünden zu wollen, steht im Mittelpunkt der phantastischen Erzählung. Und dazu eignen sich Bücher, Filme oder auch Computerspiele aus dem Bereich der Phantastik besser als alle anderen Genres. In der Phantastik besteht nämlich die Möglichkeit, sich von den Vorgaben der realen Welt zu lösen und eigene Welten zu erschaffen. Welten, die genau so eingerichtet sind, wie es die Autoren für ihre Erzählzwecke haben möchten. Der britische Dichter W. H. Auden sagte über die Welten, die die Phantasten erschaffen: „Aus ihnen können wir alle Dinge verbannen, die wir nicht für heilig, wichtig oder zauberhaft halten“ (Auden 44, meine Übersetzung).

Natürlich müssen die Autorinnen und Autoren dabei in einem glaubwürdigen Rahmen bleiben, und das erreichen sie nur, wenn sie sich an Prinzipien der Logik, der Folgerichtigkeit und der Nachvollziehbarkeit orientieren, wie wir sie aus der Realität kennen. Für ihre Geschichten gilt allgemein, was ich schon zur Fantasy sagte: Innerhalb der Geschichten besteht ein Wahrheitsanspruch, die Geschichten müssen in sich stimmig sein. Dann aber stehen ihre Handlungen zwar außerhalb des vergleichsweise engen Rahmens den unsere Realität bietet, aber ihre phantastischen Metaphern, ihre irrealen Zuspitzungen stehen für Probleme und Erfahrungen, die wir aus der Realität kennen und leuchten diese aus. Und die Übertreibung bildet den Scheinwerfer, die Zuspitzung ist das Flutlicht, das unser Denken mit neuen Ideen überschwemmt …

Dieser kleine Text ist einem Vortrag entnommen, den ich morgen halte. In diesem Sinne, bis morgen Abend, Freitag, 2.3.2012, 18 Uhr, Buchhandlung Lehmkuhl in Witten, Marktstraße 5: Vortrag, Fantasy und andere Wolkenkuckucksheime



Mittwoch, 19. Oktober 2011

Vom Tod, eine Anthologie - Aufruf zum Schreiben

Ja, die RingCon sie macht vorher Arbeit und dann kommt man mit noch viel mehr zurück. Aber vieles davon macht sehr viel Spaß, so auch dieses hier: ein Aufruf, eine Geschichte über den Tod zu verfassen. Und zwar in der Form, dass der Tod als Handelnder in irgendeiner Form vorkommt. Lust drauf?

Friedhelm Schneidewind und ich legen einen neuen Kurzgeschichtensammelband in der Reihe "Edition Stein und Baum" auf. Das haben wir schon zwei Mal gemacht, und es sind wirklich schöne Bücher dabei herausgekommen. Das wird sicher auch dieses Mal der Fall sein. Machen Sie doch mit und senden Sie uns eine Geschichte ein.

Hier die nötigen Infos:

»Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen
ohne Unterschied, du sollst mein Gevattersmann sein.«
aus »Der Gevatter Tod«, ein Märchen der Brüder Grimm

VOM TOD
Um Liebe, Leidenschaft und Tod drehen sich viele der besten Werke in Literatur, Film, Musik und anderen Kunstformen. Und nicht selten taucht er oder sie in Person auf, in der Fantasy-Literatur beispielsweise bei Terry Pratchett, Cornelia Funke, Joanne K. Rowling und Fritz Leiber, in Kino und Fernsehen nicht erst im 1998 »Rendezvous mit Joe Black« und 1960 im DE FA-Film »Gevatter Tod« nach dem Märchen der Brüder Grimm, sondern auch schon in frühen Filmen und sogar in der Werbung.

Die Märchen und Sagen mit dem handelnden Tod als Person sind unzählbar, im Decamerone taucht er ebenso auf wie in vielen Kunstmärchen, in der Bildenden Kunst ist er spätestens seit den mittelalterlichen Totentänzen häufig dargestellt,
und er taucht in vielen Liedern auf wie etwa in »Der Tod und das Mädchen«.

VOM TOD als Person also sollen die Geschichten handeln, die wir suchen, für unsere Anthologie, die im Herbst 2012 erscheinen soll.

Eingang — po_de (228 E-Mails)

Ablauf:
Einsendung wenn möglich bisher unveröffentlichter Texte an den Verlag (s. u.) bis zum 30.03.2012 – Auswahl durch die Herausgeber Friedhelm Schneidewind und Frank Weinreich bis Ende Mai 2012 – Lektorat bis Ende Juli 2012 – Buchvorstellung Herbst 2012.

Bedingungen: Die Urheberrechte verbleiben bei den AutorInnen, der Verlag erwirbt das Recht des Abdrucks in der Anthologie. Honorar gibt es ab dem 1000. verkauften
Exemplar. AutorInnen können Bücher mit einem Rabatt von 30 % erwerben; sie verpflichten sich, mindestens 10 Exemplare abzunehmen.

Verlag der Villa Fledermaus
Verlag und Produktionsgesellschaft Helen Schneidewind – Villa Fledermaus
Sitz: Villa Fledermaus · A uf der Adt 14 · 66130 Saarbrücken
Schlossgasse 51 · 69502 Hemsbach (Deutschland/Germany)
Tel. 06201 4709292 · Fax 06201 4709293
www.villa-fledermaus.de · www.stein-und-baum.de

Montag, 17. Oktober 2011

Neues Buch erschienen: Zwischen den Spiegeln

Es ist ein neues Buch im Oldib-Verlag erschienen, an dem polyoinos als Herausgeber und Autor beteiligt war: Zwischen den Spiegeln. Neue Perspektiven auf die Phantastik. Es enthält neun Aufsätze zur Phantastik im Allgemeinen sowie Tolkien im Besonderen, die vor allem eines vereint: Sie spiegeln die Arbeitsgebiete wieder, die Friedhelm Schneidewind beschäftigen. Denn dieses Buch ist vor allem eine Festschrift für ihn, für einen bedeutenden Phantastikforscher, dessen schwere Erkrankung uns vor einem Jahr wieder einmal zeigte, dass Forschung besonders an den forschenden Personen hängt, und den wir deshalb mit diesem Buch ehren und auch Trost und Hoffnung spenden wollten. Zur Entstehungsgeschichte des Bandes, die von traurig bis zu komisch reichte, gibt es hier einen eigenen Blogbeitrag.

Dazu ist es uns gelungen, Freunde zusammenzutrommeln, die alle gerne - und mit Herzblut - dazu beigetragen haben, einen würdigen Sammelband auf die Beine zu stellen. Das ergab eine Autorenmischung von frischen jungen Autoren, wie Sebastian Kleinen, der hier seine erste Publikation vorlegt, bis zu alten und im Genre bestens bekannten Hasen, wie Helmut Pesch oder Thomas Honegger. Tüpfelchen auf dem i war der unschätzbare Beitrag von Anke Eissmann, die das Cover entworfen und jeden einzelnen Beitrag mit einem eigens gezeichneten Bild eingeleitet hat.

Natürlich können Sie von mir hier nichts anderes erwarten als einen Lobpreis des Buches, aber ich glaube, der ist berechtigt und weise deshalb mit nicht geringem Stolz auf den Band hin.

Worum es im Einzelnen geht? Das erfahren Sie in dem folgenden Auszug aus der Einleitung:

Frank Weinreich (ich weiß, der Esel nennt sich selbst zuerst, aber meiner ist nun mal der erste Beitrag in dem Buch ...) untersucht in Die Pole der Fantasy die Bandbreite des Genres Fantasy hinsichtlich ihrer Wirkung am Beispiel des von J.R.R. Tolkien ins Spiel gebrachten Begriffes der Verzauberung - enchantment (On Fairy Stories, OFS 14) -, die Genrewerke auszulösen vermögen. Er zeigt dabei eine Entwicklung der Fantasy auf, die sich von Tolkiens Prinzip der Verzauberung entfernt und stattdessen einen zunehmend realistischen Ansatz verfolgt, der seinen derzeitigen Höhepunkt in den Büchern Joe Abercrombies findet, dem es auf die Verzauberung seiner Leser überhaupt nicht mehr anzukommen scheint. Da aber Fantasy eine spielerische Suche darstellt, die Bedürfnisse des Menschen nach Sinn und einer höheren Ordnung zu befriedigen, droht das Genre auf diesem Wege, seinen ursprünglichen Charakter grundlegend zu wandeln. Dass dies trotz aller Weiterentwicklung und Modernisierung von Erzählweisen und -themen nicht zwangsläufig so sein muss, und dass Fantasy ihre Leserinnen und Leser weiterhin in zauberhafte Reiche zu entführen vermag, zeigt Weinreich abschließend am Beispiel der Werke Andrzej Sapkowskis und seines Geralt-Zyklusses auf.

Anja Stürzer zieht in Wormtongue und Wormtail einen Vergleich zwischen Tolkiens Lord of the Rings und Joanne K. Rowlings Harry Potter. Obwohl Rowling einen wesentlichen Einfluss Tolkiens auf die Bücher ihres Zauberschülers bestreitet, gelingt es Stürzer, manche Parallele als offensichtlich ins rechte Licht zu rücken und andere, erstaunlichere Parallelen vor Augen zu führen, die doch eine engere Verwandtschaft zwischen diesen beiden Fantasy-Highlights nahelegen, als dies der erste Blick auf die beiden Bücher vermuten lässt. Dabei beschränkt die Autorin sich nicht auf eine mehr oder weniger ergiebige Aufzählung inhaltlicher Details, sondern lässt Strukturelemente, Erzähltechniken, Figurenkonstellationen, die unterliegenden Ethiken und den mythologischen Hintergrund in den Vergleich einfließen, sodass neben einer bloßen Gegenüberstellung auch weitergehende Analysen für beide Werke vorgenommen werden.

Im Blickfeld von Julian Eilmanns Aufsatz steht Tolkiens Die Kinder Húrins, eine Erzählung, die bei manchen Lesern den Eindruck erweckt, dass es sich hierbei um ein „tragisches“ Werk handelt. Diesen Leseeindruck greift Julian Eilmann in seiner Studie auf und geht der Frage nach, inwiefern die Geschichte Túrin Turambars tatsächlich als eine Tragödie im Sinne der aristotelischen Tragödientheorie verstanden werden kann. Durch einen genauen Vergleich zwischen den von Aristoteles beschriebenen Wesensmerkmalen der Tragödie und Tolkiens Erzählung wird dabei deutlich, wie die tragische Wirkung der Túrin-Geschichte im Detail zustande kommt und was den besonderen Reiz der Erzählung ausmacht.

Drachen stellen eines der bekanntesten Wesen der Phantastik dar und sind deshalb immer wieder in zahlreichen mythologischen Texten und Werken der phantastischen Literatur präsent. Nicht zuletzt Tolkien hat den Drachen in den Gestalten Smaugs oder Chrysophylax´ ein literarisches Denkmal gesetzt. Professor Thomas Honegger, Gründer und wissenschaftlicher Leiter von Walking Tree Publishers, macht in seinem Aufsatz deutlich, warum der Drache die Menschen seit jeher fasziniert und warum dieses Ungeheuer auch im 21. Jahrhundert immer wieder in Erscheinung tritt – und sei es nur in der Spielwarenabteilung der Kaufhäuser. Honeggers Untersuchung schärft somit unseren Blick dafür, welche Veränderungen das Drachenbild in der Literatur und Kultur historisch durchlaufen hat und welche Vorstellungen vom Fabelwesen Drache bis heute präsent und damit wirkungsmächtig sind.

Friedhelm Schneidewinds Begeisterung für die Musik in Tolkiens Werk teilt er mit Heidi Steimel, mit der zusammen er einen lesenswerten Sammelband zur Musik in Mittelerde herausgegeben hat. Für den vorliegenden Band hat sich Heidi Steimel die Mühe gemacht, ein Lexikon mit den wichtigsten Personen, Orten, Instrumenten und Begriffen, die im Zusammenhang mit der Mittelerde-Musik stehen, zusammenzustellen. Für den geneigten Leser mag dieses Kompendium ein kundiger Führer dabei sein, den Spuren der Musik in Tolkiens Werk genauer zu folgen.

Dr. Oliver Bidlo widmet sich in seinem Beitrag Tolkien und der Jugendstil der Frage, wie Tolkien die Kunst des Zeichnens in seine Arbeit hat einfließen lassen. Tolkien hat nicht nur geschrieben, sondern oft zuerst eine Szene, Situation oder eine Figur gezeichnet, bevor er begann, über sie zu schreiben. Bidlo zeigt auf, wie unterschiedlich der Jugendstil Eingang in Tolkiens Denken gefunden hat. So geht der Einfluss des Jugendstils über die Ausgestaltung einzelner (z. B. elbischer) Artefakte (Schmuck, Architektur u. a.) in Mittelerde hinaus. Als Urquelle für die Bedeutung des Jugendstils bei Tolkien wird im Beitrag die Geistesströmung der Romantik identifiziert, als deren Anhänger Tolkien ausgewiesen wird.

Runen spielen in Mittelerde eine vielfältige Rolle. Umso interessanter ist es, dass es bisher kaum eine fundierte Auseinandersetzung mit diesen besonderen Zeichen gibt und sie meist im Schatten der elbischen Schrift und Sprache stehen. Sebastian Kleinen gibt in seinem Beitrag Einführung in die Runenkunde von Mittelerde einen profunden Überblick über die vielschichtigen Runenschriften in Tolkiens Werk. Im Gegensatz zu den anderen Schriften in Mittelerde hat Tolkien die Runen nicht selbst erfunden, sondern rekurriert auf germanische und angelsächsische Runenreihen, die er teilweise übernimmt oder ableitet. Daher ist die Beschäftigung mit den Runen in Mittelerde zugleich auch eine Beschäftigung mit ihrer real-historischen Bedeutung und ihrer entsprechenden Geschichte.

In Iluvatar, steh uns bei! untersucht Stefan Servos, der Gründer und Chef von herr-der-ringe-film.de, das Thema Religion aus laientheologischer Sicht – ein hochinteressanter Ansatz, der einen neuen Aspekt in den Blätterwald von (in der Regel fach-)theologisch ausgerichteten Untersuchungen der Mittelerdedichtung darstellt. Seit längerem wird diskutiert, dass es merkwürdig ist, dass der überzeugte Katholik eine Welt und Gesellschaftsformen geschaffen hat, die von einem auffälligen Fehlen religiöser Elemente – etwa offener Gottesverehrung, Kulthandlungen, Tempel oder Kirchen – gekennzeichnet ist, während der Autor Mittelerde doch als eine Welt natürlicher Religion (Letters 220) und fairy-stories, worunter natürlich auch Der Herr der Ringe fällt, als biblisch inspiriert bezeichnete (OFS 62-66). Eng am Text arbeitend, stellt Servos die erstaunlich vielfältigen und plötzlich offensichtlich erscheinenden Stellen heraus, die eben diese natürliche Religion und die Verbindung zur christlichen Weltsicht zeigen. Dabei wird auch klar, dass Tolkien mit dem polytheistischen Einfluss der Mythen, die er so sehr liebte und mit einfließen lassen wollte, kämpfte und dass deshalb Der Herr der Ringe ein mehrschichtiges Bild auch in Fragen religiöser Konnotationen zeigt.

Wie kommt das Böse in die Welt? Und zwar in die Welt Mittelerde J.R.R. Tolkiens. Diese Frage stellt der bekannte Fantasy-Experte Dr. Helmut Pesch in Die Wurzel des Bösen und sucht wie Tolkien selbst bei dem mittelalterlichen englischen Dichter Geoffrey Chaucer, der die Habgier - cupiditas oder possessiveness, eine der Kardinalsünden - als den Quell des Bösen in unserer realen Welt ausmacht. Pesch zeigt, dass die Verurteilung der Habgier Tolkiens Werk durchzieht, auch außerhalb von Der Herr der Ringe, betrachtet sie dann aber höchst differenziert und zeigt auf, dass sie in verschiedenen Formen auftritt und mit Ambivalenzen einhergeht, die zeigen, dass sich die Wurzel des Bösen doch nicht so einfach identifizieren lässt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wieder zeigt sich, dass der schnelle schwarz-weiße Pinselstrich dem Werk des Professors nicht gerecht wird.

Nicht nur die analytische Auseinandersetzung mit der Phantastik als Thema findet sich in diesem Band, sondern auch eine künstlerische Herangehensweise. Diese verdanken wir der wohl bekanntesten deutschen Tolkienillustratorin, Anke Eissmann. Die Künstlerin hat nicht nur jeden Aufsatz mit einer stilvollen Illustration bereichert, sondern auch das Titelbild und den Umschlag des Bandes entworfen und gestaltet. Hierbei hat sich Anke Eissmann von einem imaginären Schreibtisch Schneidewinds inspirieren lassen, der die oben angesprochenen Themen reflektiert.

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Auch Spiegel reflektieren etwas – so wie das Werk Schneidewinds und die Aufsätze dieses Buches. Aber das, was gespiegelt wird, ist mehr und anders, als der oberflächliche erste Eindruck nahelegt. So wie Alice ins Wunderland, wandern auch wir zwischen den Spiegeln durch die Gefilde der Phantastik und gelangen zu neuen Perspektiven und Reflexionen auf vermeintlich Bekanntes. Die Funde dieser Wanderung wollen präsentiert werden. Ein besonderer Dank geht deshalb an Dirk Bartholomä, den Veranstalter der RingCon und unzähliger anderer phantastischer Events, der auch fernab des Mainstreams uns so genannten intellectuals eine Plattform für die Vorstellung und Diskussion unserer Arbeit bietet.

So weit zu dem Buch. Wenn Sie Fragen dazu haben - immer her damit. Und sonst wünschen wir uns natürlich, dass Sie sich das Buch anschaffen. Es ist normal über den Buchhandel, Onlinehändler oder direkt beim Verlag, www.oldib-verlag.de, erhältlich.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Lecture: Fantasy - Definition, History, Characteristics and Meaning

In May I had the honor of giving a talk at the University of Aachen, in which I was given the task to present the genre of fantasy within one hour´s length. The text of this lecture is online now after Dr. Margaret Hiley was so kind to turn my Pidgin English into something presentable. Thanxalot, Meggie!

The talk is a condensed version of thoughts and insights I have published about Fantasy scattered over various articles and books over the last ten years. So if you have been reading the respective articles on polyoinos, you won´t find very much new stuff. But you will find my arguments neatly lined up and get a good impression of what fantasy is about, so I hope you won´t find it a waste of time to look up this (alas, not so short, ~ 8.500 words) article, even if you are familiar with what is published on my site.

Hope you enjoy: Fantasy - Definition, History, Characteristics and Meaning

Montag, 4. Juli 2011

Neuer Artikel über Genres

Das waren anstrengende vier Wochen, in denen neben den üblichen Aufträgen vier Vorträge und eine Kurzgeschichte entstanden. Jetzt nähern sich die Sommerferien und so langsam klärt sich auch mein Schreibtisch.

Von den fünf kürzlich entstandenen Schriften kann ich Ihnen hier auf polyoinos erst einmal nur eine anbieten, denn die Kurzgeschichte hat noch ein ungeklärtes Rechteproblem und drei der vier Vorträge sind für die Veröffentlichung andernorts reserviert. Doch die Genrebetrachtungen kommen hier zu stehen, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie sie lesen und eventuell sogar einen Kommentar hinterließen.

Je mehr ich mich mit den Genres der phantastischen Literatur befasse und mit Kolleginnen und Kollegen austausche, desto stärker wird mir klar, wie fragil der Genrebegriff ist, wie fließend alle Grenzen sind. Und dass man doch nicht auf Genres verzichten kann. Nicht nur wegen des Buchmarketings, für die Genres lebenswichtig sind, sondern auch für die literarische Diskussion. Nur, so finde ich, sollte man die Genres ganz entspannt sehen, weil die Klassifikationsmöglichkeiten eben starken Einschränkungen unterliegen, derer man sich im Gespräch bewusst sein sollte.

Das habe ich mal in einem Gedankengang zusammengefasst und auf dem letzten Elbenwaldspektakel vorgetragen. Die Publikumsresonanz bestärkte mich darin, dass die Ideen wohl ganz brauchbar sind, aber lesen Sie doch bitte selbst: Fantasy, Science Fiction, Horror - Gedanken über die Aussagekraft von Genreeinteilungen in der phantastischen Literatur.


Montag, 6. Juni 2011

Die wichtigsten Literaten Deutschlands ...

... schreiben kaum Phantastisches, und das ist nach Meinung der vierunddreißigwichtigsten Literatin, Elke Heidenreich, auch ein Glück, denn was man so auf den Bestsellerlisten sieht - "Vampire, Trolle, Elfen, Morde" - ist einfach "entsetzlich", so die 'Grande Dame' der deutschen Literatur. So meint sie zumindest in dem Artikel "Unsere Besten" im Focus vom 6.6.2011 (S. 68-74).

Der Focus hat eine Studie auf die Beine gestellt, um die wichtigsten deutschen Prosa-Autoren zu ermitteln. Auf den ersten zehn Plätzen der wichtigsten Autorinnen und Autoren steht mit Cornelia Funke auf Platz 4 nur eine ausgewiesene Phantastikautorin, und auch im Weiteren taucht niemand der üblichen Verdächtigen aus der phantastischen Szene mehr auf. (Gewinner? Grass auf eins, Walser auf zwei usw.)

Grundlage der Rangliste ist eine Kombination von Verkaufszahlen, Berichterstattung in den Medien, eigenen Fernsehauftritten, Auszeichnungen, Empfehlungslisten und dem Google-News-Index. Da scheint es erst einmal schon erstaunlich, dass keine Phantasten unter den ersten 50 Plätzen zu finden sind. Doch auf den zweiten Blick zeigt sich dabei mehr als nur, dass Frau Heidenreich auch von den Bestsellerlisten keine Ahnung hat.

Erstens muss man die populärsten Listen, etwa die des Spiegel, relativieren, da dort nicht nach Nationalität unterschieden wird. Dann sind es zwar in Schüben auch Phantasten, die vorne mitmischen - etwa Joanne Rowling und Tolkien bei jedem neuen Film -, sonst aber überwiegen konstant Krimis und Thriller. Aber deren Autorinnen und Autoren sind meist keine Deutschen. Also stimmt es insgesamt (leider) sowieso nicht, dass die deutschen Verkaufslisten von deutschen Phantasten beherrscht werden.

Zweitens sind Medienpräsenz und Auszeichnungen Währungen, von denen Phantasten meist wenig profitieren, was an der Hypothek liegt, die die Phantastik als angebliches Schundgenre immer noch mit sich rumschleppt:
- Phantasten werden wenig ausgezeichnet? - Okay, das mag daran liegen, dass sie eben alle schlecht schreiben ...
- Phantasten werden nicht interviewt? - Klar, sie haben nichts zu sagen, denn sie schreiben nur über Wolkenkuckucksheime ...
Wenn Phantasten aber medial nicht so präsent sind, dann haben sie auch wenig Chancen über andere Listen und Indizes erfasst zu werden.

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Also, wenn man sich mal so diese Phantastik betrachtet ...

Das relativiert den Eindruck der Unwichtigkeit der Phantasten denn doch. Dass nämlich sie alle so schlecht schreiben, ist Quatsch, wie der Verweis auf die jahrtausendelange Phantastiktradition der Geschichte schon beweist. (Elke Heidenreich mag Phantasten ja auch, sie müssen nur mindestens hundertfünfzig Jahre tot sein ... Goethe, Shakespeare, Aischylos ...)

Dass sie nichts zu sagen haben, widerlegt das gleiche Argument, denn Menschen würden Phantasten nicht seit Jahrtausenden zuhören, wenn sie irrelevante Themen drauf hätten: "Phantasten reden nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe - und sehr viel verständlicher - über das menschliche Leben" (Ursula Le Guin).

Nein, dass die mediale Aufmerksamkeit nicht in gleichem Maße da ist wie für die E-Literatur, hat mit Verständnis- und Akzeptanzfragen zu tun. Exzellente Akzeptanz und damit mediale Aufmerksamkeit wiederum bedingen andererseits auch einen großen Teil des Verkaufserfolges der E-Literatinnen und -literaten, die dann eben auch gekauft (wenn auch nicht unbedingt in gleichem Maße gelesen) werden. Deshalb kommt Markolf Hoffmann auch auf grundsätzlich weniger Verkaufszahlen als Martin Walser. Dass auch Markolf sein Handwerk perfekt beherrscht, kriegen dann vergleichsweise nur wenige Leser mit.

(Sie sagen, es gibt auch schlechte Phantasten? Natürlich! Wie überall sonst auch ...)

Aber Verkaufszahlen können sich natürlich immer auch ändern. Wenn Phantasten einen großen Verkaufserfolg haben, kann dieser, wie bei Rowling eben, auch alles, was in der E-Literatur gewohnt ist, weit überflügeln. Interessanter ist, was sich auf den Buchregalen in den Buchhandlungen tut.

Da stehen sehr viele verschiedene Phantasten und legen Zeugnis von einer lebendigen Szene ab. Nimmt man das Internet und seine Communities, die Gamer sowie die rege Offline-Szene dazu, so zeigt sich schon ein ganz anderes Bild des Genre-Erfolgs. Und wenn man diesen Leuten live oder in den Foren lauscht, so zeigt sich auch, dass die Bedeutung der Phantastik eher in Richtung Le Guins Ansichten als in die von Frau Heidenreich geht.

Con-Geplauder lässt sich nun schlecht belegen, aber schauen Sie einfach mal in die seitenweise verlaufenden Threads rein, in denen diskutiert wird, was mit diesem oder jenem Umstand/Ereignis/Person gemeint ist, und welche Bedeutung das für die Geschichte hat und warum dies wiederum für das Leben der diskutierenden Leserinnen bedeutsam ist. Da läuft etwas ab in der Phantastik und zeigt, dass sie ein höchst aktiver Teil der Kultur ist.

Die Inhalte scheinen mir bei der Einschätzung des kulturellen Lebens denn auch interessanter als Personen. Brillant war und ist etwa Grass´ Danziger Trilogie, und sie ist auch zeitlos, wo sie über den Menschen und seine Situation nachsinnt. Aber heute werden ähnliche Fragen in anderen Worten und mit neuen Motiven durchdekliniert, und neue Autorinnen geben auch andere Antworten.

Vor diesem Hintergrund kommen mir Personenrankings der wichtigsten Literaten dann weit weniger relevant vor als die Diskussion der wichtigsten literarischen Themen und Motive. Und da würde man dann auch über die Phantastik reden müssen.



Donnerstag, 19. Mai 2011

Warum es weder Handys noch Facebook bei Harry Potter gibt

Joanne K. Rowling hat mit den Büchern um Harry Potter den großen Fantasyerfolg der letzten Jahre verfasst. Verfasst übrigens, als es Handys, das Web, den Chat und, zumindest während der letzten Bücher, Facebook schon gab. HP hat sich als besonders faszinierend für Kinder und Jugendliche herausgestellt, deren Lebenswelt, zumindest nach Meinung der modernen Medienkritiker, in großem, in zu großem Maße von den modernen Kommunikationsmedien beherrscht wird.

In HP gibt es keine Handys. Niemand chattet und wenn man sich trifft - ob freundschaftlich oder in innig empfundener Feindschaft verbunden - dann trifft man sich immer und ausschließlich ganz altmodisch persönlich in den Gängen und Hallen des wunderbar verschrobenen Schlosses Hogwarts. Wie konnte sich Rowling das leisten, so an der Lebenswirklichkeit ihres Publikums vorbei zu schreiben?

Das lag nicht allein daran, dass sie eine 'alte' Frau ist, die von diesen neumodischen Dingen keine Ahnung hat, denn wenn sie so weit von ihrem Publikum entfernt wäre, dann hätte sie es nie so geschickt ansprechen können. Es lag vielmehr daran, dass diese neumodischen Dinge eben doch nicht so wichtig sind, wie die Technopessimisten gerne glauben wollen.

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Die Essenzen sind essentiell (Myk Jung beim Tolkien-Reading-Day 2010)

Natürlich sind Facebook und Handy Sachen, die die Power-User auf keinen Fall missen wollen. Das nicht-missen-wollen geht so weit, dass es leicht als Sucht missverstanden werden kann. Aber letztlich sind das doch nur Kanäle und Mittler über die ein persönlicher Austausch stattfindet. Das Medium ist nicht die Botschaft - die Botschaft ist die Botschaft.

Und die Botschaft ist: ich mag dich; ich mag dich nicht; ich finde das hier toll; und das da doof. Das ist das Gleiche, was Rowling auch erzählt - nur leicht interessanter aufgemacht, aber mir fehlt gerade der Platz dafür. Rowling fokussiert auf das Interessante, alle Erzähler tun das.

Dann können das Handy und Facebook vorkommen, wenn sie denn eine Rolle in dem wichtigen Erzählten einnehmen (etwa in Daniel Suarez´ brillanten Büchern Daemon und Freedom (TM)). Aber sie müssen es nicht, auch dann nicht, wenn Jugendlichen Hochrelevantes über Jugendliche erzählt wird. Medien sind nicht notwendig ein essentieller Bestandteil der Lebenswelt. Die Essenzen sind essentiell, nicht die Kanäle, in denen sie fließen.

Notwendig sind die großen, berührenden Themen der conditio humana, und um die zu erzählen, muss sich niemand beim Publikum mit mehr oder weniger artifiziellen Versatzstücken aus dessen Alltag anbiedern. Deshalb gibt es keine Handys bei Harry Potter, keinen Chat in Susanne Gerdoms Elfenwelten und Christoph Hardebuschs Trolle bleiben (glücklicherweise) dabei, ihre Probleme auf Troll-Art und nicht mit Flamewars zu lösen.


Samstag, 7. Mai 2011

Faszination Fantasy - eine große Anerkennung

Der EZW Materialdienst. Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen hat in seiner Maiausgabe einen Artikel über Fantasy in den Mittelpunkt gestellt, der sich in weiten Teilen auf meine Arbeit stützt - das ist schon eine tolle Anerkennung!

In Faszination Fantasy beschreibt Ulrike Treusch das Faszinosum und die Funktionen von Fantasy. Dabei zitiert und übernimmt sie zunächst uneingeschränkt meine Definition von Fantasy (Fantasy ist demnach ein literarisches Genre, dessen zentraler Inhalt die Annahme des faktischen Vorhandenseins und Wirkens metaphysischer Kräfte oder Wesen ist, das als Fiktion auftritt, die als Fiktion auch verstanden werden soll und muss; s. auch hier).

Nach einer Beschreibung des Genres kommt sie dann über die Kritik an Fantasy zu den Funktionen und hebt dort besonders auf die Verbindung zum Mythos und auf das sinnstiftende Potential von Fantasy in einer sinnentleerten Welt ab. Dabei greift sie seitenweise auf mein Buch Fantasy. Einführung zurück und zitiert alle relevanten Passagen über den Mythos sowie meine Überzeugung, dass Fantasy ein Mythos mit Augenzwinkern ist, ein nicht geglaubter Mythos.

Noch stärker und besser als ich selbst das tue hebt sie dabei hervor, dass die Funktion von Fantasy vom Publikum abhängt, davon, was das Publikum in den einzelnen Genrewerken sucht und dann zu finden meint, wobei der fund überhuapt nichts mit dem zu tun haben muss, was der Autor oder Regisseur dort hineinsteckte. Das ist meines Erachtens eine sehr wichtige Beobachtung, die hilft, eine ganze Reihe von Kritikansätzen über die angeblich so verführerische Kraft der satanischen Fantasy in die Schranken zu weisen.

Die EZW ist eine ziemlich wichtige Zeitschrift, die sehr weit verbreitet ist unter Theologen, Philosophen und allen anderen Kulturwissenschaftlern. Ich freue mich sehr darüber, dass Fantasy. Einführung an derart prominenter Stelle so positiv (und letztlich werbewirksam) beachtet wird. Ich hatte ja schon vor einem Jahr bei der Gründungskonferenz der GFF den Eindruck, dass sich das Buch durchsetzt ... dieser Baustein verfestigt den Erfolg noch einmal in einer hocherfreulichen Weise.


Freitag, 25. März 2011

Tolkien-Lese-Tag

Es ist der 25. März. Auf den Tag genau heute vor vielen, vielen Jahren wurde der Eine Ring vernichtet und das Dritte Zeitalter endete mit dem Sieg über das Böse. Mit einer kleinen Pause von ein paar tausend Jahren dazwischen feiern Menschen auf der ganzen Welt diesen Sieg, indem sie sich versammeln und einander Geschichten aus der Feder des großen Chronisten des Ringkriegs, John Ronald Reuel Tolkien, vorlesen. Ich hoffe, Sie haben das Vergnügen, das heute auch erleben zu dürfen.

Ich für mein Teil werde den Tag in Oberhausen, in der Buchhandlung von Lars Bauman - Zweitbuch, Dudelerstraße 17 - begehen und dort natürlich auch lesen.

Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, einen Abschnitt aus dem Kapitel "Über Hobbits" aus dem HdR und anschließend aus einem Brief an Houghton Mifflin zu lesen, den Tolkien 1955 schrieb, und in dem er eine ganze Reihe von Motiven anführt, die ihn dazu brachten, die Ringerzählung zu verfassen.

In "Über Hobbits" kann man nämlich sehen, welche Lebensweise der Professor schätzte. Wie er andernorts bekanntermaßen sagte, war er ja in allen Aspekten außer der Körpergröße selbst ein Hobbit, und das idyllische Landleben - friedlich, geordnet, frei von Hektik, erdverbunden - war seine Idealvorstellung einer angemessenen Lebensweise. Das mag langweilig und konservativ erscheinen, aber die Hobbits können zur Not ja auch anders und eine ganze Welt retten. So dürfte der Professor sich und seine ganz normalen Mitmenschen erträumt haben.

Diese Beobachtung ist für das, worauf ich heute hinauswill, entscheidend. Wenn ein Autor so unbedingt eine Geschichte erzählen will, wie Tolkien von Mittelerde erzählen wollte, dann gibt es enge Verbindungen zwischen Erzähler und Geschichte. Im Falle Tolkiens sind die vielfältig nachweisbar, und das genannte Lebensideal ist nur eine der Parallelen. Der eigentliche Punkt ist, dass die reale Lebenswelt in die phantastische Erzählung hineinreicht und zeigt, dass die Phantastik so phantastisch gar nicht ist.

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Ab wann wird´s phantastisch?

In dem Brief an seinen amerikanischen Verlag nennt Tolkien mehrere solcher Parallelen. Zuerst die zu seiner Profession, der Sprachwissenschaft, wenn er sagt, dass er Mittelerde schuf, um den von ihm erfundenen Sprachen eine Heimat zu geben. Doch das ist nicht der einzige Grund und wäre auch ein wenig l´Art pour l´Art. Es ist aber auch eine stark christlich inspirierte Erzählung, es ist eine Geschichte über die Kraft der Schwachen im Angesicht der Tyrannei und es ist eine Geschichte über die Schönheit und Unbändigkeit der ungezähmten Natur, führt Tolkien in dem Brief weiter aus. Der Herr der Ringe enthält eine Vielzahl von "Kommentaren über die Welt", wie er es anderswo mal sagte.

Wenn das so ist, dann ist die phantastische Welt Mittelerde aber überhaupt nicht phantastisch. Dann ist sie eben das - ein Kommentar zur Welt, in der wir wirklich leben. Und wenn das auf Mittelerde zutrifft, dann gilt es für die Phantastik insgesamt - sie ist nicht phantastisch, sie handelt mit dem Mittel der Metapher vom realen Leben.

Es ist nicht einfach als spannende Unterhaltung gemeint, wenn in Star Trek eine Reihe von Folgen die Prime Directive behandelt, dass es der Föderation verboten ist, in die Geschicke weniger entwickelter Planeten einzugreifen und in diesen Folgen dann gezeigt wird, dass es manchmal mit Nichteinmischung einfach nicht getan ist. So ein Thema erzählt viel mehr über Srebrenica, Ruanda und heute Libyen und die Elfenbeinküste als von fernen Planeten.

Es ist auch kein Zufall, dass die High Fantasy in der Regel in vorindustrieller Zeit spielt. In Zeiten also, wo es mit Knöpfchendrücken nicht getan ist, sondern es auf die mentale Stärke von Individuen ankommt - nicht umsonst wird die Stärke von Magie in fast allen Geschichten von der persönlichen Stärke ihrer Nutzer abhängig gemacht. Das sind Träume, Überlegungen und Spekulationen über den Wert und Einfluss des Individuums, die wir im als ohnmächtig erlebten realen Leben stellvertretend ausleben wollen.

Nein, die Phantastik ist nicht phantastisch, sie berichtet auf ganz erhellende Weise von uns und unserem realen Leben. Oder glauben Sie, dass Goethes Gedicht vom Zauberlehrling, dem sein halbgares magisches Können über den Kopf wächst, irgendetwas anderes meint als einen Kommentar auf die menschliche Realität abzugeben? Dazu mehr im Frühsommer, wenn mein langer Artikel über dieses Thema im Tagungsband der GFF erscheint.

Aber erst einmal: Einen schönen Tolkien-Lese-Tag!



Freitag, 11. März 2011

Phantastische Artikel gesucht

Heute veröffentlichte die Gesellschaft für Fantastikforschung einen zeitlich nicht befristeten Daueraufruf, wissenschaftliche Artikel, die sich mit dem Thema Phantastik befassen, für das bald erstmalig erscheinende Vereinsjournal, die Zeitschrift für Fantastikforschung, einzureichen:

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Beachten Sie bitte, dass die Zeitschrift ab 2011 immer wieder erscheinen wird, und dass Sie deshalb, wann immer Sie ein gutes Thema haben, dieses einreichen können.

Und haben Sie auch nicht zu hohen Respekt vor der Wissenschaft. Natürlich kann ein akademisches Journal nur Beiträge veröffentlichen, die wissenschaftlichen Standards entsprechen. Aber sooo hoch sind die gar nicht, und die paar formalen Anforderungen sind ein Klacks. Was zählt, sind Ihre Idee, Ihre These, Ihre Befunde.

Wenn Sie möchten, können Sie mich auch gerne kontaktieren und ich berate Sie unverbindlich (und natürlich kostenlos) zu Fragen einer Veröffentlichung in der ZFF.


Sonntag, 28. November 2010

Keine Angst (mehr!) vor Tzvetan Todorov

Wer sich theoretisch mit der Phantastik befasst, stolpert einerseits zwangsläufig über Tzvetan Todorovs Theorie der Phantastik, andererseits hört man auch aus berufenem Expertenmund immer wieder: "Müssen wir uns denn wirklich noch mit Todorov befassen?" Ja, muss man noch; das, und warum das, zeigt Simon Spiegels neustes Buch, das einen schönen neuen Zugang zu dem bekannten und bekanntlich schwer verdaulichen Theoretiker eröffnet.

Man muss sich bei einer literaturwissenschaftlich orientierten Sichtweise auf die Phantastik in der Tat mit Todorov befassen, denn vor allem die Herangehensweise ist wichtig, um die literaturwissenschaftliche Diskussion zu verstehen. (Oder nein, muss man nicht unbedingt, Uwe Dursts Theorie der phantastischen Literatur, LitVerlag 2010, ist aktueller, umfangreicher und besser - aber genauso schwer zu verstehen.) Zum Glück kann man sich Todorov jetzt aber viel einfacher nähern, denn der Wissenschaftler und Journalist Simon Spiegel hat eine exzellente Einführung in Todorovs Werk geschrieben, das die Originallektüre zwar nicht ersetzt, aber sie auch für den Fachfremden so aufschlüsselt, dass man Todorov nun folgen und ihn angemessen im Theoriekanon verorten kann: Simon Spiegel: Theoretisch Phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur. Murnau: p.machinery 2010.

Dies behaupte ich auch auf die Gefahr hin, dass Todorov-Fans bzw. Vertreter der strukturalistischen Denkschule das ganz anders sehen mögen, denn Spiegel geht sehr kritisch mit Todorov um (Tzvetan Todorov: Einführung in die fantastische Literatur, Ullstein 1972; nur noch antiquarisch auf Deutsch erhältlich, aber problemlos in Englisch, Französisch zu erwerben). Vielleicht ist kritisch aber auch das falsche Wort, denn Spiegel zeigt die durchaus vorhandenen positiven, weil erkenntnisfördernden Seiten von Todorovs Theorie der Phantastik auf, und ordnet sie dann, methodisch sauber, in das Gesamtgefüge der möglichen Literaturbetrachtungen ein; eine Einordnung, bei der Todorov dann aber manche Feder lässt, denn Spiegel kann schlüssig zeigen, dass die Theorie der Phantastik einen ziemlich engen Geltungsbereich hat und ganz viele Fragen, die sich dem Publikum phantastischer Werke stellen, gar nicht beantworten kann (aber auch nicht beantworten will).

Todorov ist Strukturalist, was heißt, dass er sein Untersuchungsgebiet anhand struktureller Merkmale und gänzlich innerhalb des Untersuchungsgebiets verbleibend betrachtet: Es zählt das Buch/der Film als solcher, sonst nix. Die phantastische Literatur hat so besehen beispielsweise keinen Bezug zur Realität. Das ist etwas ganz anderes als das, was Sie etwa auf diesen Seiten lesen können - mich interessiert, in welchem Verhältnis zur Realität die Phantastik steht, und was man aus ihr lernen kann. Für den Strukturalisten gibt es auch keine gute oder schlechte Literatur, nur Literatur mit bestimmten Merkmalen - der Struktur -, die eine Zuordnung erlauben. Der Strukturalist enthält sich damit jeglicher Interpretation - was darin begründet ist, dass Interpretationen nicht objektivierbar sind, und damit einen nicht unproblematischen wissenschaftlichen Charakter haben. Das ist auch alles wissenschaftlich sehr sauber, wenn man es durchhalten kann.

Das kann man auch alles bei Todorov selbst lesen, aber es hilft ungemein, wie Spiegel das herausarbeitet. Und damit gleichzeitig herausarbeitet, dass selbst Todorov große Schwierigkeiten hat, dem hohen Anspruch gerecht zu werden. Dauernd kommt es nämlich doch zu Vergleichen oder Beziehungen von Literatur und Realität sowie zu wertenden Einlassungen. Das dürfte auch kaum zu vermeiden sein, denn - das steht so nicht bei Spiegel, aber ich empfinde es so - ein wirklich sortenreiner Strukturalismus, stellt nichts weiter als die Konstruktion von Schubladen dar. Schubladen aber eignen sich nur zum Verstauen von Dingen, wir wollen jedoch mit der Phantastik umgehen (lernen).

Was an der Phantastik interessiert, ist doch beispielsweise die alte Frage: Was will der Autor damit sagen/erreichen? Oder es geht darum, warum die Science Fiction in den Vierzigern und Fünfzigern boomte, warum sie in den Sechzigern und Siebzigern so kritisch wurde und wieso die Fantasy gerade jetzt ein Allzeithoch zu haben scheint. Oder eben, welche Bücher und Filme gut sind. Oder was die Faszination der Phantastik ausmacht. Das interessiert aber aus strukturalistischer Sicht alles nicht beziehungsweise es ist ein Tabu, denn hier wird es interpretatorisch, und interpretieren darf der Strukturalist nicht.

Nachdem Spiegel das sehr schön herausgearbeitet hat, kann er auch deutlich machen, was hinter den - na ja, ich sage mal eigenwillig -, was hinter den eigenwilligen Kategorien der Phantastik bei Todorov steckt. Die reine Phantastik macht Todorov ja beispielsweise daran fest, dass sie ein Schwebezustand sei, in dem unentscheidbar ist, ob Geschehnisse natürliche oder übernatürliche Ursachen haben. Eine so verstandene Phantastik trifft natürlich auf sehr enge Grenzen und hat insbesondere mit aktueller phantastischer Kunst nicht viel zu tun. Aber auch das arbeitet Spiegel sehr schön heraus, wenn er auf den eingeschränkten, von Todorov zugrundegelegten Kanon verweist, und dass die Gültigkeit von Todorovs Überlegungen in besonderem Maße zeit- und werkabhängig ist. (Was die Auswahl im Übrigen auch zu einer sehr subjektiven Angelegenheit macht; nee, dat wird vorne und hinten nix mit der Objektivität, Leute.)

Die größte Stärke für den interessierten Laien ist aber Spiegels Dechiffrierung der literaturwissenschaftlichen Sprechweisen und Codes von Todorov und einschlägigen anderen Autoren. In "Theoretisch Phantastisch" wird alles auf eine klare Sprache heruntergebrochen; eine Ausdrucksweise, die ich persönlich für die einzig wahre halte, während der sonstige Wissenschaftssprech, gerade in den Kulturwissenschaften, für mich mehr mit standesdünkelhaften Ausgrenzungsversuchen zu tun hat als mit den Erfordernissen einer schwierig zu umschreibenden Materie. Ein Beweis, dass das geht, ist Spiegels Buch. Das kann manchmal, gerade auf den ersten Seiten, wenn man sich noch hineinliest, ein bisschen herablassend wirken, ist aber keinesfalls so gemeint. Spiegel zeigt damit viel eher, dass er sein Publikum ernst nimmt und verstanden werden will. Für mich ist der Stil jedenfalls beispielhaft, und ich werde versuchen, mich selbst noch mehr in diese Richtung zu entwickeln.

Übrigens ist Theoretisch Phantastisch auch sehr schön ausgestattet, mit übersichtlichem Layout, hilfreichen Marginalien und dezenter Bebilderung. Besonders hervorzuheben sind die schönen Zeichnungen von molosovsky (etwa das Titelbild, s. u.), Porträts, in dem gleichen Stil, wie sie auch seine Website schmücken: molochronik.antville.org/.

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Montag, 4. Oktober 2010

In fremden Welten. Impressionen von der Gründungskonferenz der GFF

Die Gesellschaft für Fantastikforschung e. V. ist letztes Wochenende mit der Konferenz Fremde Welten. Wege und Räume der Fantastik im 21. Jahrhundert gegründet worden – Glückwunsch an alle Beteiligten und Mitglieder, besonders aber an den Hauptorganisator Lars Schmeink, der ganz Erstaunliches auf die Beine gestellt hat. Und vielen Dank für all die Arbeit!

Aus dem Wunsch heraus, der Forschung über das Phantastische eine Organisation an die Seite zu stellen, und so alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit dem Thema beschäftigen, nachhaltig zu vernetzen, ganz wie es die großen englischsprachigen Organisationen seit Jahrzehnten erfolgreich vorleben, entstand ein Verein, dessen erste Schritte in Hamburg an diesem Wochenende erwarten lassen, dass er dieser Aufgabe gerecht wird.

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Na gut, es war schon eine Art Klassentreffen, denn man kennt sich ja. Aber um etwas zu bewegen, bedarf es eben doch für viele Aufgaben der Organisation.

Was meiner Meinung aber noch wichtiger ist, ist das zweite Ziel, das sich ohne institutionelle Anlaufstelle auch nicht effizient verwirklichen ließe – die Einbindung von Wissenschaft in die außerwissenschaftlichen phantastischen Diskurse von Urhebern und Publikum. Autorinnen und Fans waren aufgerufen, sich an der GFF zu beteiligen, und der Ruf wurde von beiden erhört.

Wie wichtig das war, zeigte sich bei der anregenden Schlussdiskussion, auf der Autoren und Vertreter von Fanorganisationen über ihre Arbeit und Wünsche aufklärten und der Wissenschaft darlegten, was sie auch noch tun kann, außer innerhalb des Elfenbeinturmes zu agieren. Als grenzgängerischer Autor/Lektor/Experte bin ich persönlich diesen Anliegen natürlich besonders zugeneigt, hatte aber den Eindruck, dass das allgemein als ganz wichtiger Punkt empfunden wurde. Die Verbindung zum Publikum und zu den Autoren (natürlich auch Regisseure, Designer, Musiker - zu allen Urhebern eben) ist wesentlicher Bestandteil des GFF und darf nicht aus den Augen verloren werden.

Inhaltlich war die Konferenz breit gefächert, aber trotzdem drängte sich mir durchgängig der Eindruck einer Zweiteilung innerhalb der wissenschaftlichen Interessen auf. Ganz salopp gesagt, bezeichne ich das mal als das unterschiedliche Erkenntnisinteresse an Struktur und Inhalt der Fantastik, das dann auch zu Reibungen und (wahrscheinlich vermeidbaren) Inkompatibilitäten führte. Jedenfalls scheint mir da im Augenblick noch eine vermittelnde Instanz zu fehlen, die Inhalt und Struktur zusammenbringt, vielleicht sogar zu konzertierten Forschungsvorhaben. Noch jedenfalls erstreckt sich die Inkompatibilität bis hin zu einer Unvereinbarkeit in der Terminologie.

Und nein – dies für diejenigen von Ihnen, die dabei waren – damit meine ich zwar auch, aber bei Weitem nicht nur den Disput zwischen Uwe Durst und mir (der sich im Übrigen im persönlichen Gespräch viel weniger scharf darstellte); diesen Eindruck empfand ich fast durchgängig, je nachdem in welchem Panel man gerade saß. Während die einen streng die Form untersuchten, machten sich die anderen – etwa äußerst launig Marleen Barr mit ihrer Beobachtung, dass man die New York Times nicht verstehen kann, wenn man nicht weiß, wer Spock und Darth Vader sind, dass man also die „language of science fiction“ beherrschen muss – über die Lebenswirklichkeit her und berichteten davon, wie die Phantastik diese beeinflusst.

Festgehalten werden muss dabei, wie ich finde, dass beide Aspekte ihre volle Berechtigung haben, was die Forscherinnen und Forscher dann auffordert, sich dem anderen Erkenntnisinteresse zumindest so weit aufgeschlossen zu zeigen, dass man anerkennt, dass es eine Daseinsberechtigung hat. Und vielleicht findet man ja doch auch noch auf Arbeitsebene zueinander – ich bin sicher, man würde sich gegenseitig befruchten.

Grundsätzlich sind die Inkompatibilitäten beider Betrachtungsweisen nämlich nicht, sondern vom jeweiligen Erkenntnisinteresse abhängig. Wenn ich also höre, dass in einer Diskussion, an der ich nicht teilnahm, gesagt wurde, mein Realismusbegriff sei „noch eindimensional“, dann verweise ich darauf, dass ich diese Eindimensionalität benötige, wenn ich das Verhältnis von fiktivem Inhalt und der nichtfiktionalen Lebenswelt untersuche und sie deshalb für diese Fragestellungen beibehalten werde. Bei der Betrachtung anderer Aspekte kann das anders aussehen.

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("Lesender" - aus Anwyn - eine phantastische Reise)


Was ich zudem mit einem gewissen Erstaunen bemerkte, ist, dass man sich offenbar immer noch dafür entschuldigen muss, wenn man sich als Wissenschaftlerin ernsthaft mit Phantastik beschäftigt. Das korrespondiert dann mit der Aussage der Autoren, dass man weiterhin nicht als richtiger Schriftsteller anerkannt wird und mit dem Bericht der Fans, dass man sowieso aus der Spinnerecke komme. Da hätte ich gedacht, dass wir auch in Deutschland mittlerweile weiter wären.

Doch es wurde nicht nur berichtet, dass man sich rechtfertigen muss, auch der Duktus sehr vieler Vorträge war von dieser Haltung geprägt und kaum jemand kam ohne apologetische Anmerkungen aus, die insgesamt von einem zu Unrecht unterentwickelten Selbstbewusstsein sprachen. Das mache ich zwar auch oft, aber ich habe eben in den letzten Jahren öffentlich auch hauptsächlich entweder mit Fans zu tun, denen ich Munition zur Verteidigung ihrer phantastischen Leidenschaft an die Hand geben möchte, oder spreche andererseits vor Unbeteiligten oder Skeptikern, denen ich darlegen muss, welche Formen von Relevanz die Phantastik annehmen kann. (Lassen Sie sich bspw. mal einladen, vor Rotariern über Fantasy zu sprechen – man schaut sie an wie ein exotisches Tier, aber nach dem Vortrag haben Sie manches Auge geöffnet.)

"Amerika (und UK), Du hast es besser" – im englischsprachigen Raum scheint das längst nicht mehr so ein Problem zu sein. Warum nicht das gleiche Selbstbewusstsein hier? Brian Stableford jedenfalls forderte in seiner Keynote „the GFF should explore the possibilities and and not only defend the phantastic against its critics“. Genau!

Die Defensivität kann natürlich auch von einer gewissen Vereinzelung oder besser Insellage der heterogenen Gruppen, die sich mit Phantastik beschäftigen, herrühren, denn man ist sich der argumentativen und anderer Stärken der anderen nicht unbedingt ausreichend bewusst. Dem genau kann natürlich eine Organisation wie die GFF und eine offengehaltene Tagung wie die „Fremden Welten“ Abhilfe verschaffen und hat dies auch in ersten Schritten schon getan.

Nächstes Jahr Salzburg und 2012 Zürich werden das fortsetzen und die neuen und alten Bekanntschaften aus Hamburg werden die Inseln mit Fähren und Brücken verbinden, so dass man insgesamt über die Gründungskonferenz sagen kann: Voller Erfolg!


Freitag, 30. Juli 2010

Traumfragment

Nachdem ich heute Nacht ziemlich lange einen Traum geträumt habe, in dem es um ständige Anstrengungen, Ängste und diffus-gefährliche Situationen ging, wachte ich frühzeitig auf und konnte mich nur noch an das Ende des Traumes erinnern. Es war eine zutiefst traurige Szene, die man, bei entsprechend misanthropischer Grundstimmung, als gleichartiges Ende einer jeden Geschichte bezeichnen könnte:

[Die Szene scheint auf einer leeren Ebene zu spielen, unterbrochen nur von zackigen, aber nicht allzu großen Gebilden, die ebenso gut Steine wie Schrott sein könnten. Der Himmel ist gelb und hängt tief über dem Land. Ein paar Wolkenfetzen - oder Rauch? - schweben nahe des Bodens in der Luft. Dieser Boden ist dreckig und von Pfützen bedeckt.]

Sie erhoben sich langsam und blickten müde über die weite, desolate Ebene hinweg. Sie waren verschwitzt und stanken und viele bluteten. Und es waren nicht nicht mehr alle dabei, auch wenn die meisten es geschafft hatten.

Der junge Chris fragte: "Und das war es nun? Das war alles, was wir erreichen konnten?"

"Ja", antwortet irgendjemand.

"Und das wird immer so sein?"

"Ja."

"Und deshalb werden wir immer diese Geschichte erzählen?"

"Ja."

Chris schüttelte den Kopf und begann loszustapfen ...

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(Foto aus "Anwyn" von Juxart; www.juxart.de)

Montag, 3. Mai 2010

Science Fiction, Definition und Geschichte

Die ersten Schritte auf dem Weg zu einem neuen Buch über die Science Fiction sind getan. Am Wochenende habe ich auf der FedCon zwei Vorträge gehalten, die an wesentlicher Stelle in den Betrachtungen von SF stehen: die Definition und Funktionen von SF einerseits und eine kleine Geschichte des Genres, die die SF mit der realen Weltgeschichte verknüpft andererseits, was im Falle dieses Genres von ganz besonderem Interesse ist.

Die Vorträge sind von einem fachkundigen Publikum wohlwollend aufgenommen worden; es scheint, dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Aber ich freue mich natürlich über jeglichen Input. Deshalb stehen ab sofort die beiden Vortragstexte hier auf polyoinos zur Lektüre zur Verfügung. Zwei Audioaufzeichnungen werden folgen, sobald ich dazu komme, sie nachzubearbeiten.

Wenn Sie also interessiert, warum die Reflektionsleistungen von SF zeigen, dass das Genre eigentlich ein ziemlich realistisches ist und warum es reicht, SF als "Science Fiction sind phantastische Geschichten, deren irreale Anteile dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand der Autorinnen und Autoren nicht widersprechen." zu definieren, dann lesen Sie doch einmal in die Prometheus-Papiere und in die (Noch)-Nicht-Orte hinein.

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Auf zu neuen Welten ...

Dienstag, 2. März 2010

"die fantastischen 6" sind erschienen ...

Die von Charlotte Kerner bei Beltz herausgegebenen Lebensgeschichten von Stanislaw Lem, Bram Stoker, Stephen King, Mary Shelley, Philip K. Dick und J.R.R. Tolkien sind erschienen. Der Tolkienbeitrag in diesem Sammelband mit dem Titel die fantastischen 6 stammt von mir.

Das Buch enthält sechs 40-50-seitige Beiträge, die jeweils das (Haupt-)Werk der Autoren mit ihrer Biographie verbinden. Die jeweiligen Artikel richten sich an den Fan, der mehr über Werk und Autoren wissen möchte sowie an jede Leserin, jeden Leser, die diese sechs für die Phantastik äußerst wichtigen Menschen einfach so näher kennenlernen wollen oder ein besseres Verständnis von Wirken und Rolle der Phantastik über die je persönlichen Zugänge gewinnen möchten.

Die Zusammenstellung gerade dieser Autorinnen und Autoren gewährt damit auch einen Überblick über die gesamte Bandbreite der Phantastik. Mit Mary Shelley beginnt nach recht einhelliger die Science Fiction, aber auch das Horrorgenre verdankt ihr einen prägenden Einfluss. Stoker ist für den Horror wichtig, beeinflusste aber auch die Fantasy. King ist sowieso aus allen drei Hauptbereichen der Phantastik nicht wegzudenken. Dick und Lem stehen für den Einfluss, den Science fiction auf unser Denken und die Gesellschaft hat. Und Tolkien ... na ja, den kennen Sie als Besucher meiner Site ja.

Ich habe für meinen Beitrag das Wichtigste zusammengefasst, was man über Tolkien bei der gegebenen Kürze von nur gut 40 Seiten sagen kann und es mit seiner unspektakulären, aber für das Verständnis der Fantasy doch so wichtigen Vita verbunden, so dass Sie jedem Tolkieninteressierten bedenkenlos, wie ich finde, raten können, den Aufsatz als Einstieg in seine Welt(en) zu lesen. Fast das Gleiche kann man über die alle sechs Aufsätze sagen.

Ein persönlicher Tipp noch - da Sie ja gerade hier sind und die lesen, vermute ich, dass Sie sowieso eine Affinität zur Phantastik haben, für die polyoinos ja weithin steht. Wenn Sie Ihr Interesse (Liebe?) Phantastik jemandem erklären wollen, der da nicht viel mit anfangen kann (Eltern, Partner, Lehrer ...), so stellt die fantastischen 6 einen tolles Geschenk dar.

Also:
Charlotte Kerner (Hrsg.): die fantastischen 6. Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg 2010

Foto am 02-03-2010 um 13.49


Bitte? Ich sollte gerade heute eher etwas über die verbotene (juchhu!) Vorratsdatenspeicherung schreiben? Sie haben ja recht. Dazu eine Einschätzung in zwei, drei Tagen, ja?

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Aus gegebenem Anlass: Mal wieder Thema Eskapismus

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel macht diese Woche mit einer seiner berüchtigt pessimistischen Titelgeschichten über die aktuellen Zeitläufte auf und analysiert die Zeit von 2000 bis 2009 als das „Verlorene Jahrzehnt“, in dem der 11. September, die Finanzkrise und der Klimawandel für eine umfassende Wende zum schlechteren, verbunden mit dem Verlust fast aller Hoffnung, verantwortlich gemacht werden. Illustriert wird das nach Meinung der Autoren auch und besonders charakteristisch durch den großen Publikumserfolg von Harry Potter und der Verfilmung von Der Herr der Ringe. Dieser Erfolg hat selbstverständlich nichts mit der Qualität der beiden Werke zu tun, sondern ist Ausdruck einer allgemeinen Weltfluchttendenz angesichts der hoffnungslosen Situation des Lebens auf unserem krisengeschüttelten Planeten. Die beiden märchenartigen Geschichten entführen ihre Zuschauer und Leser in bessere Welten, um sie des Nachdenkens über echte Probleme zu entheben - mal wieder Thema Eskapismus. Ein Eskapismus natürlich, das insinuiert schon die Nennung in dem Zusammenhang mit dem Verlorenen Jahrzehnt, der individuell wie gesellschaftlich und politisch von größter Verantwortungslosigkeit zeugt, denn wer Tolkien liest, kümmert sich schließlich nicht gleichzeitig um den Weltfrieden.

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Türen in fremde Welten helfen ...

Allerdings haben sich die Spiegel-Redakteure, wie ich finde, keinen Gefallen damit getan, ausgerechnet diese beiden Fantasyerzählungen auszuwählen. Und damit ziehe ich mich nicht auf die bekannte Replik des Herr-der-Ringe-Autors Tolkien zurück, dass Fluchten ins Phantastische angesichts der nüchtern-trostlosen Moderne legitime Fluchten eines Gefangenen aus dem Gefängnis einer ent-ästhetisierten Welt sind.

Ich halte die Beispiele Harry und Mittelerde für schlechte Eskapismusbeispiele, weil sie beide überhaupt nicht weltabgewandt sind. Doch der Spiegel hält sie für „KIndergeschichten“ und schließt im Weiteren: „Man zieht sich zurück in eine infantile Welt, in der herzige Helden das Böse besiegen.“ Und das natürlich nur, um den Kopf in den Sand zu stecken: „Das moderne Märchen ist die Antwort auf eine ruppige Welt.“ (Alle Zitate S. 154.) Oh ja, Verantwortungslosigkeit pur!

Die „herzigen Helden“ sind natürlich die übliche Spiegel-Polemik und wären gar nicht so schlimm, wenn sie auch nur annähernd den Werken entsprächen, denn schließlich sei auch dem Spiegel gestattet, seine Punkte zu machen, wie er es für richtig hält. Aber anhand dieser Beispiele zeigt sich einfach, dass die Herren Kurbjuweit und Steingart sowie Frau Theile schlicht keine Ahnung haben, wovon sie schreiben.

Wo nämlich die Herzigkeit zu finden sein soll, kann sich dem Publikum nicht erschließen. Etwa in den Folterszenen zwischen Dolores Umbridge und Harry Potter? Oder wenn Sam und Frodo sich am Ende ihrer Kräfte durch die tödliche Ödnis Mordors schleppen? Egal. Geschenkt, würde ich sogar sagen - denn die Bemerkungen sind ja nur Randnotizen zum großen Thema des Artikels -, wenn nicht die Werke und das Publikum damit erstens en passant mal wieder beleidigt würden und zweitens nicht schon wieder der unzutreffende Gemeinplatz bedient würde, dass Fantasy mindestens belanglos, vielleicht aber sogar gefährlich ist, denn sie verhindert ja den Blick auf die wichtigen Dinge.

Aber schauen Sie sich diese herzigen Welten doch einmal an. Nein, es muss gar nicht das bedrückende verheerte Land sein, in das der ‚herzige’, an Lepra erkrankte Held Thomas Covenant geworfen wird (von dieser Fantasy-Serie redet der Spiegel ja auch nicht - meine Entschuldigung). Nein, ich meine das ach so herzige Hogwarts und die herzige Welt Mittelerde.

In Hogwarts erlebt Harry Potter in 7 Bänden eine typische Coming-Of-Age-Geschichte, einen Entwicklungsroman wie es ihn seit Jahrhunderten gibt; klassisches Literaturarsenal sozusagen. Lässt man einmal die phantastische Kulisse beiseite, so findet man eine durchaus realistische Geschichte über die Probleme des Aufwachsens. In höchstem Maße zugespitzt zwar, aber Zuspitzungen sind völlig normal in allen Arten von Romanen und Filmen, um die Punkte zu verdeutlichen, über die die Autorin, der Regisseur Aussagen machen möchte. Dass die Zuspitzungen bei Harry Potter bis ins Übernatürliche hineinreichen, ist weder für die Form noch für die Aussage von Belang. Todes- und Liebeszauber in Fantasy sind nichts weiter als Metaphern für menschliches Handeln. Worauf es ankommt, ist, ob die Geschichte als Geschichte überzeugt und anspricht. Und die ist komplex und reichhaltig, die Charaktere besitzen Tiefe und die Entscheidungen, die den Protagonisten abverlangt werden sind schwierig und folgenschwer - ganz ähnlich wie jeder Jugendliche zu ahnen beginnt, dass alles, was er tut komplex und folgenschwer ist. Jedenfalls ist es keine infantile Welt, in der einfach mal so das Böse besiegt werden kann.

Auch Mittelerde ist keine Welt, in der rechts das Böse und links das Gute stehen und Links mal eben nach Rechts rüberrennen kann, um die Geschichte in allgemeinem Wohlgefallen aufzulösen. Nicht einmal bei Jackson ist sie das ... und um wie viel weniger bei Tolkien, wie Steingart, Kurbjuweit und Theile leicht einsehen sollten, wenn sie sich mal mit Feanor oder Turin befassten oder auch nur über Gollum nachdächten, von dem auch sie schon gehört haben dürften. Es ist eine noch einmal deutlich komplexere Welt als Hogwarts, die Tolkien da erschaffen hat, in der es Unmengen an Gedanken, Überzeugungen und Ideen zu entdecken gibt. Allein der melancholische Niedergangscharakter - der ebenfalls bei Jackson zu sehen ist - gibt schon so vieles zu bedenken, dass nicht wenige Kritiker Tolkien deshalb in eine Reihe mit den großen Kriegspoeten wie T. S. Eliot und Erich Maria Remarque gestellt haben. Herzig? Nein, Modernitätskritik und der Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs finden ihre phantastisch vebrämte Aufarbeitung.

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... die Tür zur eigenen Welt zu öffnen

Und die vermeintlichen happy endings? Sie sind es ja wohl, die den Hauptimpuls zum Eskapismus bergen, über den die Autoren sich mokieren. Märchen - und selbst die sind nicht so naiv wie der Spiegel-Artikel es wohl gerne darstellen würde - enden oft mit der Aussage, dass nach den Ereignissen alle glücklich und zufrieden leben, eventuell bis heute und gleich um die Ecke. Doch welches Fazit können die Helden Harry und Frodo ziehen? In Harrys Fall endet die Geschichte glücklich, aber das Happily-Ever-After-Gefühl stellt sich nicht ein. Es ist gut, aber es fühlt sich eher an wie: „Es ist geschafft.“ Und es war verdammt hart, dorthin zu gelangen. Exakt so, wie sich der vollzogene Austritt aus der Jugend anfühlt. Und für Frodo - und die gesamte Welt Mittelerde, die nun auf allen elbischen Zauber verzichten muss - gibt es überhaupt kein Happy End, denn seine Wunden sind so tief, dass er es nicht mehr in der Welt, die er rettete, aushält und sie verlassen muss.

Harry und Frodo haben gelernt, dass man mitunter große Opfer bringen muss und bilden damit ab, was Menschen im wahren Leben tagtäglich erleben. Dass es überhaupt zu Enden kommt, bei denen wenigstens das Böse nicht triumphiert, verleiht unserer Minimalhoffnung Ausdruck, dass wir das Leben halbwegs anständig bewältigen werden und ist als solches nur legitim. Natürlich sind Hogwarts, Mittelerde und all die anderen zauberhafte Welten, die in sich hinein entführen wollen. Harry, Mittelerde und ein großer Teil der Fantasy erinnern uns aber auch daran, wie steinig der echte (Lebens-)Weg ist. Mit Weltflucht hat das nicht viel zu tun, viel eher ist es zutreffende Diagnose, von den Ärzten Rowling und Tolkien - so wie jeder gute Arzt es machen würde - angereichert mit einem Schuss Hoffnung, der Mut macht, den Weg weiter zu gehen.