Dienstag, 30. September 2014

Warum man dem Gesetz mehr gehorchen muss als Gott

Was der IS gerade im Nahen Osten treibt, ist nur der mich wütend machende Auslöser dafür, einmal ein Dogma ganz klar als falsch zu identifizieren, das vor allem die Offenbarungsreligionen wie eine unbezweifelbare Wahrheit vor her sich tragen. Allerorten und -zeiten wurde und wird behauptet, man müsse Gott mehr gehorchen als dem Menschen oder dem Gesetz. Das ist falsch! Wahr ist: 
Man muss dem Gesetz mehr gehorchen als Gott!
Der Islamische Staat bringt auf barbarische Weise Unschuldige um und scheut im vorgeblichen Namen Allahs auch nicht davor zurück, Kinder zu töten. Aber auch in den USA gibt es genug Leute, die im Namen Gottes Akte der Barbarei begehen und beispielsweise Treibjagden auf die Patientinnen und Mitarbeitenden sogenannter "Abtreibungskliniken" veranstalten. Und selbst im Ukraine-Konflikt wird gerne auf den Willen Gottes verwiesen, der das Land angeblich mal geeint, mal russifiziert sehen möchte. Einig sind sich all diese Gottes-Willen-Erfüller darin, dass man schließlich Gott mehr gehorchen müsse als dem Menschen und dem von ihm gemachten Gesetz.
Falsch!
Warum?
Weil das Gesetz der Maßstab und Handlungsrahmen für unser Zusammenleben auf Erden ist. Alles andere ist Glauben und Spekulation.
Natürlich werden viel strenge Gläubige und alle Fanatiker jetzt einwenden, dass Gottes Wille höher steht als der des Menschen, und dass er diesen außerdem offenbart und damit zum wahren Gesetz gemacht habe. 
Aber warum sollte das eigentlich so sein? Und ich rede jetzt nicht davon, dass man die diversen Offenbarungen anzweifeln kann. Kann man natürlich ... aber das ist nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass selbst wenn es Gott/Allah/Jahwe geben sollte, dieser nicht das Recht hätte, seinen Willen über die unseren zu stellen. 
Wenn er so mächtig ist, wie besonders die Offenbarungsreligionen behaupten, dann kann er das zwar de facto tun und ihn auch durchsetzen, zur Not bis der vorletzte Mensch in Fluten ertrunken und von Erzengeln erschlagen wurde, und der letzte Mensch sich voller Furcht endlich unterwirft. Aber damit wäre er doch ein ziemlich armseliger Despot.
Das wäre nichts als ein Ausdruck von Macht, und Macht legitimiert zu? Genau: zu gar nichts. Ein solcher eifersüchtiger Gott wäre um nichts besser als irdische Machtmissbrauchende wie Putin oder George Bush und zöge sich zurecht die gleiche Kritik wie diese zu.
Also Macht stellt Gottes willen schon mal nicht über unseren. Dann bleibt eigentlich nur noch Einsicht, die bewirken könnte, dass wir Menschen uns freiwillig dem göttlichen Willen unterstellen, weil wir eben einsehen, dass dieser ein guter ist. Das geht natürlich! 
Aber es ist eine individuelle Entscheidung. "Man" muss Gottes Willen gehorchen, lässt sich daraus nicht ableiten. Allenfalls "Ich" muss, weil ich finde, dass es das Richtige ist.
Doch gerade die individuelle Freiheit ist es natürlich, die von sendungsbewussten und schlimmeren Gläubigen verneint wird. Nur treten die dann nie in die Diskussion ein, dass die von ihnen vertretenen Glaubenslehren aus dem und dem Grund gut für die Menschen seien, sondern behaupten schlicht, weil Gott dies so festgelegt habe, müsse man sich danach richten.
Erneut die Frage: Warum? Der einzige halbwegs ernstzunehmende Grund, der dann genannt wird, ist, dass er uns schließlich geschaffen habe. 
Der Schöpfungsakt bewirkt nach dieser Lesart so etwas wie ein Eigentumsrecht. Ganz so wie mein Sohn seine Lego-Stadt baut (jetzt baut er eher Minecraft-Städte, aber das ist das Gleiche) und niemand ihm verwehren kann, die wieder einzureißen, so darf auch Gott ganz selbstverständlich mit Flut und Engelsschwert einreißen, was er aufgebaut hat, ja? 
Nein, darf er nicht. Schöpfung begründet keine Eigentumsrechte, sondern führt zu Verantwortung. So wie Eltern ihre pubertierenden Kinder nicht aus dem Fenster werfen dürfen, darf Gott nicht einfach bestimmen, dass, wer Musik hört, ausgepeitscht werden darf, und wer Ehebruch begeht, gesteinigt gehört. Er könnte solche Gesetze aussprechen, aber er wäre damit ein böser Gott, was ein Widerstandsrecht Ihm gegenüber begründen würde, denn er wird seiner Verantwortung nicht nur nicht gerecht, sondern hat den Menschen allein zum Zwecke der Unterjochung durch ihn selbst erschaffen.
Dass ich keine Chance habe, einem allmächtigen Gott zu widerstehen, ist eine andere Sache, macht einen derartigen Gott aber nur noch böser, wenn er diesen gerechtfertigten Widerstand mit seinen überlegenen Mitteln bricht.
(Ich sage nicht, dass es keinen Gott gibt - vielleicht gibt es ja einen Schöpfergott. Aber mal ernsthaft: Würde der solche Anweisungen geben, vor allem aber aufrechterhalten, wie sie in Teilen der Bibel, des Talmud und des Koran stehen? Diese teilweise durch historische Situationen erklärbaren, teilweise durch zeitgenössische Umstände, wie unterentwickelte Medizin und Hygiene, nachvollziehbaren Detailanweisungen sind auf eine so offensichtliche Weise nicht (!) von Gott, sondern von Menschen in bestimmten Umständen erlassen worden, dass es den Intellekt geradezu schmerzt, wenn es als Gottes Wort verkauft wird.) 
Wenn Gott aber weder durch Eigentumsrecht noch durch Macht einen legitimen Anspruch darauf hat, dass sein Wort über dem des Menschen steht, wessen Wort gilt dann? 
Die einzige Alternative ist die Verständigung auf das Gesetz, am besten auf so ein Gesetz wie das Deutsche Grundgesetz, das in einem Höchstmaß Freiheitsrechte und Gemeinschaftsschutz miteinander verbindet, wie kaum ein anderes Gesetz, das je in Form gegossen wurde. (Dass es in Deutschland so viele Missstände gibt, liegt jedenfalls nicht am Grundgesetz, sondern daran, dass es zu wenig beachtet und durchgesetzt wird. Und noch ganz wichtig: "Verständigung auf das Gesetz"; also ein durch Konsens in Kraft gesetztes Recht, keine Paragraphen, die sich Kim Jong Un und ähnliche Leute in feuchten Träumen überlegen.)
Wir haben - und viele andere demokratische Länder haben ebenfalls - ein Gesetz, das die Regeln für das menschliche Zusammenleben ziemlich gut regelt. Besser auf jeden Fall als all diese mit merkwürdigen Anweisungen behafteten, manche Menschen und Lebensweisen ein-, andere ausschließenden und insgesamt verdammt despotischen Heiligen Schriften.
Und deshalb muss man dem Gesetz mehr gehorchen als Gott.