Dienstag, 14. Dezember 2010

"Fantasy für Fortgeschrittene" ...

... so hat der Bayerische Rundfunk ein Interview betitelt, das er mit mir über Definition, Zustand und Zukunft der Fantasy geführt hat. Es wurde gestern im Rahmen einer Magazinsendung zur Fantasy auf Bayern 3 ausgestrahlt und steht seit heute in der Mediathek im Netz.

Hmmm, für Fortgeschrittene wohl eher nicht, aber da es gut geschnitten ist, ist es wirklich recht informativ, insbesondere für diejenigen, die das Genre nicht kennen.

Wenn Sie möchten, würde ich mich freuen, wenn Sie mal reinhören, in die 5 MInuten, 30 Sekunden, die der BR aus dem halbstündigen Interview gemacht hat: http://on3.de/element/8912/interview-frank-weinreich-fantasy-fuer-fortgeschrittene.


Freitag, 10. Dezember 2010

Mit zweierlei Maß: die Berichterstattung über Liu Xiaobo und WikiLeaks

Komische Medien diese Woche: Julian Assange von WikiLeaks wird trotz völlig unklarer juristischer Grundlage ins Gefängnis geworfen und der Blätterwald rauscht erleichtert. Heute kann der zu Unrecht im Gefängnis einsitzende Menschenrechtsaktivist Liu Xiaobo seinen Friedensnobelpreis nicht entgegennehmen, und die Medien klagen. Dass sie klagen, ist rechtens, nötig und sehr zu begrüßen. Warum sie aber über den heftigen Schlag gegen WikiLeaks erleichtert sind, ist schwer zu verstehen. Weshalb wird mit zweierlei Maß gemessen?

Zuerst drängt sich natürlich der Gedanke auf, dass Liu Xiaobo gegen ein erwiesenes Unrechtsregime beschützt werden muss, während die etablierten Medien den Rechtsstaaten USA, Großbritannien und Schweden einen Vertrauensvorschuss geben und den ‘Geheimnisverrat’ WikiLeaks auf ‘verantwortungsvolle Weise’ kritisch beurteilen müssen. Doch das ist es meiner Meinung nach nicht allein und wahrscheinlich nicht einmal zuerst. Vielmehr geht es gerade in diesem Fall darum, Besitzstände zu wahren und den gesellschaftlichen Diskurs unbedingt so weiterführen zu wollen, wie er schon immer (seit knapp hundert Jahren - ha ha ha) ablief.

Liu Xiaobo ist ein klassischer Demonstrant in der Nachfolge vieler anderer großer Menschen, wie etwa seines Vorgängers Carl von Ossietzky, dessen Schicksal er vielleicht wird teilen müssen. Klassische Demonstranten aber sind ein sehr schöner, weil einfacher Fall für die etablierten Medien. Klassische Demonstranten und deren Anliegen kann man nämlich wunderbar begleiten - wahlweise sympathisierend, aufrüttelnd und ermunternd, wenn es opportun ist, aber auch durch Verschweigen, Marginalisieren und Lächerlichmachen.

WikiLeaks (es geht nicht um Assange, es geht um WikiLeaks!) aber kann man nicht so einfach begleiten, denn das Erscheinungsbild und die Aussagen von Wikileaks unterliegen nicht mehr der Steuerung durch die etablierten Medien. WikiLeaks spricht auf uninterpretierte Weise selbst, und das ist etwas, was die publizierende Meinung nicht gerne hat.

Sie wird sich aber dran gewöhnen müssen - zumindest wenn die Welt so glücklich ist, weiter freie Publikationskanäle zu besitzen (die Privatisierung des Internets in große, zentral steuerbare Plattformen wie Facebook, Google und andere macht Sorgen). Wenn die freien Meinungsäußerungsmöglichkeiten aber so bleiben, wie sie sind, dann ist es mit der gemütlichen Ruhe der bisherigen Meinungsmacher vorbei.

Natürlich schreien sie auf - wie gerade jetzt - und gemahnen daran, welch potentielle Gefahr doch in der unreflektierten Publikation brisanter Themen stecke und bezweifeln, dass der plötzlich publizierende ‘Laie’ über die Sachkenntnis und das Verantwortungsgefühl verfüge, das seine Publikationstätigkeit erfordert.

Nun, die Sachkenntnis kommt bei den Graswurzel-Publizisten in der Regel schon daher, dass sie meist aus den Bereichen berichten, in denen sie leben und arbeiten. Fehler unabsichtlicher wie absichtlicher Art werden zudem schnell aufgedeckt, denn Zweit-, Dritt- und Viertexperten lesen immer mit.

Und was das Verantwortungsgefühl angeht, so hoffe ich doch, dass die publizierenden ‘Laien’ sich diesbezüglich nicht gerade die Medienprofis von RTL, SAT1 und BILD-Zeitung zum Vorbild nehmen, sondern bessere Maßstäbe anlegen. Zudem ist das Graswurzel-Phänomen von ständigem Austausch und kollaborativer Arbeit gekennzeichnet, die Zirkel bilden, in denen Verantwortung immer mitdiskutiert wird. Das ist nicht fehlerfrei, steht dem Verantwortungsgefühl der professionellen Redaktionskonferenz jedoch nicht nach und der einsam getroffenen Verlegerentscheidung schon mal gar nicht.

Wenn also diese Woche mit zweierlei Maß über Liu Xiaobo und WikiLeaks berichtet wird, so hat das auch damit zu tun, dass es um Macht geht, um Meinungsmacht. Und die lässt man sich auch im liberalen Westen ungern wegnehmen. Muss man aber zulassen, denn die freie Meinungsäußerung gilt für alle, nicht nur für die ‘Profis’. Dann können wir auch gemeinsam für Liu Xiaobo und WikiLeaks schreiben, denn die schreiben auch für uns.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Die WikiLeaks-Herausforderung

WikiLeaks hat zigtausende Dokumente veröffentlicht, die ein hochinteressantes Licht auf die Art und Weise werfen, wie internationale Beziehungen wirklich funktionieren. Mehr ist seitens WikiLeaks nicht passiert; kein Geheimnisverrat, keine Spionage, kein echter Schaden, obwohl ihnen genau das vorgeworfen wird. Und man eine Hexenjagd auf Julian Assange anstellt, die jetzt auf höchst gefährliche Weise ausgedehnt wird. Denn mit Assange ist es nicht getan. Jetzt zeigt die Politik, wenigstens die amerikanische, aber die europäischen Regierungen dürften nachziehen, worauf sie wirklich hinauswill - auf die Abschaffung der Pressefreiheit. Denn nichts anderes steht hinter dem Versuch Senator Liebermans, nun sogar die New York Times zu kriminalisieren.

Assange ist jetzt dran und wird wohl nicht mehr davor zu bewahren sein, auf immer in irgendwelchen Gefängnissen zu verschwinden. (Wir regten uns vor ein paar Jahren darüber auf, wie Putin seinen Kritiker Chodorkowski in bester Tyrannenmanier ins Gefängnis werfen ließ; jetzt tun die USA das gleiche und ehemals politisch-freiheitlich vorbildliche europäische Nationen wie Großbritannien und Schweden helfen dabei, pfui!) Dabei hat Assange nichts anderes gemacht als das, was die New York Times, Der Spiegel, The Guardian und El Pais in der selben Angelegenheit auch machen: Er hat Material von öffentlichem Interesse veröffentlicht, das ihm aus authentischer Quelle zugespielt wurde.

Was für ein Schaden wurde denn angerichtet? Sollte wirklich jemand geglaubt haben, dass die Diplomaten und Politiker in ihren eigenen Zirkeln und untereinander nicht so miteinander über einander reden, wie die veröffentlichten Depeschen es jetzt zeigen, so wird ihm diese Naivität jetzt hoffentlich ausgetrieben worden sein.

Und alles andere ist Propaganda. Natürlich wusste Westerwave vorher, dass die internationalen Mitdiplomaten ihn für unfähig halten. Natürlich wusste Ahmadinedschad vorher, das König Abdullah ihn gerne tot sähe. Einzig Berlusconi dürfte zu notgeil sein, um die Realität wahrzunehmen. Und unsere Kanzlerin dürfte sich durch den Beinamen "Teflon" noch geschmeichelt fühlen.

Wenn sich der eine oder andere jetzt oder in Zukunft publikumswirksam über den einen oder anderen erregen wird, so dient dies nur dazu, eben diesem Publikum in der Hoffnung eine Show zu liefern, dass es sich von den eigentlich allseits bekannten Vorwürfen nur aus dem Grund beeindrucken lässt, weil sie mit dem Hinweis auf angeblich geheime Meinungen und Erkenntnisse untermauert werden. Propaganda eben! Propaganda, die sich auf WikiLeaks und Assanges Arbeiten stützt, die sich in nichts von anderen journalistischen Arbeiten unterscheiden. (Hier ein aktueller Artikel von Assange selbst, der genau das eindringlich schildert.)

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WikiLeaks´Zukunft?

Auf die gleiche Art, wie nun die diplomatischen Berichte der USA, flogen nämlich F-J. Straußens Lockheed-Verstrickungen auf, wurde Watergate publik gemacht, gelangten zahllose andere politische Skandale ans Licht der Öffentlichkeit. Genau das versuchte Chodorkowski in Russland und wurde von einer abhängigen Justiz erledigt. Letzteres, so stellt es sich heute dar, ist nun wohl auch bei uns möglich, wenn sich der Vorsitzende des Heimatschutzausschusses der USA nun traut, gegen das publizistische Flaggschiff des Landes mobil zu machen.

Was tun? Sicher nicht Mastercard oder Paypal mit DoS-Attacken ärgern, denn das bringt genauso viel wie Eric Cantonas gestriger Versuch, mit Hilfe von ein paar Dutzend Fans, die ihr Geld abhoben, die französischen Banken in den Ruin zu treiben.

Was dann? Weiterschreiben, weiterpublizieren, weiterhin Informationen bereit halten, wie es die wunderbaren Unterstützer von Wikileaks machen, die das Archiv mittlerweile so im Netz verteilt haben, dass es auch die USA nicht mehr rausbekommen.

Die IT ist Gefahr, viel mehr aber noch Chance für die Freiheit. Jedes Blog, jeder kleine Twitter-Zweizeiler, ja jeder Klick auf Facebooks "Gefällt mir"-Button, der sich den Themen Meinungs- und Pressefreiheit widmet, hilft, für die Themen zu sensibilisieren, hilft, das Nachdenken zu fördern, hilft, andere Menschen zu aktivieren. Eine andere (ethisch saubere) Möglichkeit haben wir nicht. Das Maul nicht aufzumachen, bedeutet, dass wir irgendwann alle wie unter chinesischer Zensur leben werden. Auch in den USA, auch hierzulande. Das zu verhindern, ist die Wikileaks-Herausforderung.